Schäm Dich!
Der kleine Tom im Alter von 1 1/2 Jahren kennt weder das Wort
noch das Gefühl der Scham. Für ihn, wie für alle
Kleinkinder, ist es das Natürlichste der Welt, nackt umher zu
laufen, solange es ihm nur warm genug ist. Kleinkinder, wie er,
spielen bekanntlich unbefangen vor anderen Kindern und Erwachsenen
nackt am Strand, im Sandkasten oder in der Badewanne. Doch
scheinbar plötzlich weicht diese Unbefangenheit einer
Verlegenheit. Die Eltern stellen fest, dass sich ihre Kinder nicht
mehr öffentlich ausziehen wollen und sich ihrer Nacktheit
schämen.

Bereits in der biblischen Paradiesgeschichte wird neben dem Schuldgefühl die Scham zum Thema gemacht. Entsprechend dieser Erzählung erwacht die Scham beim Menschen als Folge des verbotenen Genusses der Frucht vom Baum der Erkenntnis. Bis dahin, so heißt es, von Adam und seinem Weib: "Sie waren beide nackt und schämten sich nicht."
Wir wissen heute aus der Beobachtung von Kindern, die Scham tritt erst mit dem Wissen um die eigene Nacktheit auf. Das Bewusstwerden der körperlichen Blöße heißt auch, den nackten Körper eines anderen Menschen zu sehen und zu erkennen, dass die eigene Nacktheit vom anderen gesehen werden kann. Volle Blöße, sei es im körperlichen oder im seelischen Bereich, wird möglichst bedeckt, insbesondere, wenn befürchtet wird, jeweils von den anderen Menschen, insbesondere wie Eltern, Freunden und Verwandten nicht ernst- oder angenommen zu werden, sondern herabgesetzt, ausgegrenzt, verstoßen zu werden. Dann beschützt die Scham gleichsam das eigene Selbst, "den seelischen Innenraum des Kindes" und vermittelt ein Gespür dafür, was sie von sich zeigen und mitteilen, und was sie von sich selber behalten wollen. Die Funktion von Scham dient offensichtlich der Individualisierung eines heranwachsenden Menschen, aber zugleich auch der sozialen Anpassung. Scham stellt sich bekanntlich auch dann ein, wenn man unangenehm auffällt.
"Feeertig!!!" kräht der kleine Tom stolz auf der Toilette und gibt seiner Mama zu verstehen, dass sie ihm nun den Po sauber machen kann. Genauso hätte es Tom auch aller Welt zugerufen, säße er jetzt gerade inmitten eines Parks im grünen Gras. Jeder dürfte bei dieser Prozedur zuschauen und sich der freudigen Zuwendung des Kindes sicher sein. Die Gesellschaft, insbesondere die Eltern und andere Personen aus dem sozialen Lebensumfeld des Kindes bestimmen jedoch alsbald, was sich für das eigene Kind, wenn es älter wird, "schickt". So schränken Menschen in der Umwelt eines Kindes beispielsweise das Ausstellen nackter Körperlichkeit (manchmal überzogen) ein, missbilligen sie sexuelle Betätigung am eigenen Körper oder etwa in der Öffentlichkeit ebenso, wie die Verrichtung der eigenen Notdurft unter den Augen anderer Personen. Was "man tut oder nicht tut" wird oftmals von den Eltern vorgelebt und über die Nachahmung von den Kleinkindern unbewusst übernommen. Die Eltern vom kleinen Tom sollten sich folglich nicht wundern, wenn er im Verlaufe seiner Entwicklung die Notdurft alleine verrichten will und deshalb die Tür schließt oder nicht mehr bereit ist, ohne Badehöschen am Strand zu spielen.
Wie oben bereits erwähnt, stehen Schamgefühle zwar häufig mit der Sexualität in Verbindung, und werden auch deshalb leicht mit ihr begrifflich vermischt, bis hin zur Bezeichnung des Schoßes der Frau als Scham, jedoch ist die wahre Natur der Scham nicht Sexuelles, sondern die Angst vor Einsamkeit und Isolation durch Andersartigkeit. Jedenfalls beeinflusst die Scham sowohl die Beziehung eines Kindes zu sich selbst, aber insbesondere zu den Mitmenschen in ihrer Familie und darüber hinaus. Sie kann zur Regulierung der zwischenmenschlichen Nähe und Distanz wesentlich beitragen und beeinflusst, wie weit sich das Kind gegenüber anderen Menschen öffnen kann und will, aber auch wie weit es einen anderen Menschen an sich heran lässt.
Neben der körperbezogenen Scham zeigt sich im Kleinkindalter ein Schamgefühl auch wegen situationsunangebrachten Verhaltens. Als es beispielsweise der vierjährigen Heidi am Abend vor der Geburtstagsfeier ihres großen Bruders Klaus versehentlich herausrutscht: "Ich darf mich nicht verplappern, dass du ein Fahrrad geschenkt bekommst.", ist sie zutiefst betrübt und von Schamgefühlen betroffen. Dicke Tränen kullern über Heidis Wangen und sie glaubt, auf Grund der eventuell bestürzten Reaktionen der Eltern, sie hätte den Geburtstag ihres Bruders kaputt gemacht. Im Erleben der Heidi kann neben der Scham auch ein Schuldgefühl entstehen. Beide Gefühle werden manchmal fälschlicherweise als weitgehend gleichwertig angesehen, was aber tatsächlich nicht so ist. In jedem Falle ist die Entwicklung dieser so genannten selbstbewussten Emotionen ein Meilenstein in der Entwicklung des Kindes und untrennbar verbunden mit dem eigenen Selbstbewusstsein.
Forscher wie Michael Levis weisen daraufhin, dass diese Emotion nicht vor dem zweiten Lebensjahr entstehen kann, weil es auf dem Verständnis des Kleinkindes beruht, selbst eine eigenständige Person zu sein. Dieses Verständnis entsteht im Verlauf der Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren. Im Alter zwischen 18 und 24 Monaten vermag sich ein Kind selbst im Spiegel zu erkennen. Im Vergleich zu früher tritt das Kind sich selbst als Objekt gegenüber. Es beginnt somit, ein Bild von sich selbst zu machen und sich selbst gegenüber eine Einstellung zu entwickeln. Zu dieser Entwicklungsphase gehört, dass Kinder zunächst von sich selbst in der dritten Person sprechen und sich bis zum dritten Lebensjahr etwa in der ersten Person benennen, wenn sie ihre Eigenständigkeit erkannt haben. In dieser Phase übernehmen die Kinder auch häufig diejenigen Bewertungen, die sie von ihren Bezugspersonen vermittelt bekamen. Die Kinder lernen also oftmals auf diese Weise mit sich selbst so umzugehen, wie die wichtigsten Bezugspersonen, also die Eltern in ihrer Kindheit mit ihnen umgegangen sind.
Eine erhöhte Anfälligkeit für Schamreaktionen kann entstehen, wenn in der Kindheit viele Beschämungen von Seiten der Eltern oder anderer Bezugspersonen erfolgten. Im Alter von ungefähr 15 bis 24 Monaten beginnen einige Kinder auch dann Verlegenheit zu zeigen, wenn sie im Mittelpunkt der Beobachtung anderer stehen. Wenn sie beispielsweise ein gefordertes Verhalten demonstrativ zeigen sollen, wie etwa bei der Anprobe eines neuen Kleidungsstückes im Kaufhaus. Eltern können folglich nicht nur vor verschlossenen Toilettentüren stehen, selbst der aus der Sicht von Erwachsenen harmlose Wechsel der Kleidungsstücke des Kindes außerhalb der Umkleidekabine im Kaufhaus könnte tabu sein.
Kinder wollen zur Familie dazugehören und ernst genommen
werden. Dies erfahren sie, indem die Eltern ihnen helfen, Regeln zu
verstehen, Grenzen zu erkennen und sie dazu anregen, die Regeln
einhalten zu wollen.
Für Eltern gilt es die Erziehungsverantwortung gegenüber
ihren Kindern auch bezüglich der Entwicklung der
Schamgefühle zu übernehmen. Ganz egal, wann und wo sie
Schamgefühle bei ihren Kindern beobachten, sollten sie diese
immer als Entwicklungssignale verstehen. Ein "Jetzt hab dich nicht
so.", oder ein pauschales "Du bist böse:" und "Geh
weg." sind unangebrachte Reaktionen der Eltern. Wenn Kinder
ihren Eltern das Bedürfnis nach seelenverwandter Zweisamkeit
und Verständnis signalisieren, jedoch auf Unverständnis
oder gar Ablehnung bei ihnen stoßen, werden sie mit den
eigenen Gefühlen, Gedanken und Absichten allein gelassen, weil
sie weder Echo noch Spiegelung ihrer selbst bei den Eltern erleben
und sich somit unverstanden und dadurch entwertet fühlen.
Folglich kann Scham aufkommen, eigene Bedürfnisse
überhaupt zu empfinden, geschweige denn sie anderen
mitzuteilen. Andererseits gehört es wesentlich zu unserem
Sozialverhalten, schamlose Neugierde, überschäumende
Freude oder Neid und Missgunst zu zügeln, wenn es die
Rücksicht auf andere erfordert.
Zum Thema Schamgefühl im "KIDS und Co"
Interview, der Dozent für Psychologie in der
Erzieherausbildung, Dr. Jürgen Scharrenberg
Herr Dr. Scharrenberg, was ist
Scham?
"Die Scham ist wie die Schuld, die Verlegenheit und der Stolz eine
selbstbewusste Emotion. Sie ist scheinbar von archaischem Ursprung,
das heißt, es gibt sie vermutlich, seit es Menschen gibt und
entwickelt sich im Lebensprozess eines Menschen in
Abhängigkeit von seinen individuellen Besonderheiten in
aktiver Wechselwirkung insbesondere mit seinen sozialen
Lebenswelten."
Woher rührt das Gefühl von Scham?
Also welchen Sinn hat es?
"Das Erleben von Scham entsteht infolge der Entblößung
von Wünschen, Gedanken, Absichten, Handlungsergebnissen usw.,
die vom Betroffenen selbst oft nicht akzeptiert oder die von
anderen abfällig bewertet werden. Die Funktion der Scham ist
höchst komplex, sie dient offensichtlich der
Individualisierung eines Menschen im Prozess seiner
Persönlichkeitsentwicklung. Die Scham hilft gleichsam, die
Identität eines Menschen zu entwickeln und zu schützen
sowie den Prozeß der sozialen Anpassung zu
ermöglichen."
Hat Scham auch etwas Positives für
sich?
"In unserer Gesellschaft, die insbesondere ein hohes Maß an
individueller Abgrenzung, aber auch ein intensives Miteinander
fordert, ist die Scham in der kindlichen Entwicklung und
darüber hinaus als wichtiger Sozialisationsfaktor zu
kennzeichnen. Das akute Schamerleben und die Angst vor
Schamerlebnissen oder Beschämungssituationen sind
Gefühle, die den Menschen vor entwürdigendem Verhalten
und entwürdigenden Situationen zurückhalten und somit der
Erhaltung des Selbstwertgefühls dienen. Die Entstehung des
Schamgefühls ist ein Meilenstein in der kindlichen Entwicklung
und ist untrennbar verbunden mit der Entwicklung des
Selbstbewusstseins sowie mit der zunehmenden Fähigkeit, sich
selbst bzw. das Bild von sich selbst kritisch zu bewerten. Solche
Selbstbewertung orientiert sich zumeist an einem angeeigneten
Normen- und Wertesystem.
Wofür schämen sich insbesondere
unsere Kinder?
Das Schamgefühl ist vom Wesen her ein soziales Phänomen.
Alle Scham ist sozial, weil sie auf Normen bezogen ist, die von
allen Bezugspersonen, insbesondere von den Eltern vermittelt
werden. Die Schamgefühle der Kinder entstehen oft als Folge
von herabsetzenden Bewertungen, die seine Integrität
beschädigt haben und folglich schmerzlich erlebt werden. Das
Schamgefühl entsteht auch, wenn die Kinder, oder auch die
Erwachsenen, eine Differenz zwischen dem realen Selbstbild und dem
idealen Selbstbild erkennen.
Welche Wirkungen bzw. Folgen hat es, Kinder und
deren Gefühle zu ignorieren?
Die Missachtung der Schamerlebnisse der Kinder bedeutet zu
vergessen, dass sich diese, wie auch wir Erwachsenen, in aktuellen
Beschämungssituationen als global abgewertet fühlen und
befürchten, mit Verachtung abgewiesen zu werden. Dies
schwächt auf Dauer ihr Selbstbewusstsein. Durch wiederholte
und gedankenlose Beschämungen, z.B. durch Ironie und
Herabsetzung vor anderen kann die zum Kinde gehörende
Spontaneität immer wieder zum Erliegen kommen. Häufige
Schamreaktionen sind die Augen niederschlagen, das Gesicht mit den
Händen bedecken, Erröten und in Anwesenheit von anderen
Personen das Vermeiden von Blickkontakten. Hierin kommt das
Bedürfnis zum Ausdruck, die Beschämungssituation zu
verlassen ("in den Boden versinken" oder "sich in Luft
auflösen zu wollen"). Typische Versuche der Ablenkung
sind das Belächeln der eigenen Person, Entschuldigungen oder
Rechtfertigungen. Zur Verminderung schwerer Schamkonflikte, die ein
Kind schmerzlich mit dem Gefühl, nicht geliebt zu sein,
verbindet, können auch solche Abwehrformen eingeübt
werden wie: Gewalt, Perfektionismus, Zynismus, Missbrauch anderer,
Sucht, Lieblosigkeit, Hass, Neid, Abwertung des Selbst oder sogar
Depressionen.
Wie kann ich als Eltern meine Kinder in ihrer
Entwicklung unterstützen, wenn sie sich
schämen?
Die Eltern sollten die Entstehung von frühkindlichen
Ablehnungs- und Entfremdungsgefühlen vermeiden bzw. gering
halten. Die Stärkung des Selbstwertgefühls sollte
Anliegen elterlicher Erziehung sein, denn eine hohe
Schamanfälligkeit tritt beim Kind immer dann auf, wenn es ein
niedriges Selbstwertgefühl besitzt. Bei der kritischen
Bewertung von Handlungen des Kindes sollten die Fehler genau
benannt werden ohne eine globale Abwertung des Kindes ("Du bist zu
nichts zu gebrauchen.") vorzunehmen. Der Einsatz von
hintergründigem Humor oder sogar von Ironie führt ebenso
zur Beschämung des Kindes und zu deren Verunsicherung.
Zur Vermeidung der Angst vor zukünftigen
Beschämungssituationen, die oft mit unbewußter
Selbstabwertung der kindlichen Person verbunden ist, sollten
Schamerlebnisse der Kinder von den Eltern nicht einfach
übergangen werden, sondern als Ausdruck einer sich
entwickelnden Autonomie und zunehmenden Selbstständigkeit
respektiert werden. Leichtfertige Isolation und Ausgrenzung
jeglicher Art als Maßnahmen der Bestrafung bei Fehlverhalten
sind bezüglich der Schamentwicklung nicht zu empfehlen.
Zur Entwicklung der Fähigkeit der objektiven Selbstbewertung
und zur Übernahme vorgelebter Lebensnormen ist nämlich
der fortlaufende Austausch zwischen Eltern und Kind zu sichern,
beispielsweise durch gemeinsame Freizeit und in den
unterschiedlichen Situationen des Zusammenlebens in der Familie.
Die Verminderung von Angst vor dem Ausgestoßensein oder vor
dem Alleingelassenwerden wird durch eine bedingungslose Annahme des
Kindes und wiederholt erlebbare Bestätigung der Zuneigung der
Eltern gegenüber dem Kind begünstigt.






