Kribbelbunt

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750 Euro zu viert zum Leben

 

Protokoll: Susann de Luca

 

Ich bin Lena-Marie. Ich bin zehn Jahre alt. Ich habe zwei kleinere Brüder. Der Jüngste ist drei und heißt Felix. Und der Jannik, der ist Sieben. Wir leben allein mit Mama. Es ist besser so, weil Mama und Papa nicht glücklich waren und sich dann getrennt haben. Und auch mit Janniks und Felix Papa hat das nicht geklappt. Somit sind Felix, Jannik, Mama und ich eine Familie.

Mama ist eigentlich Altenpflegerin. Sie ist aber arbeitslos. Schon ganz viele Jahre. Sie darf nicht arbeiten, obwohl sie es doch aber gern will. Das Arbeitsamt gibt ihr aber keine Arbeit. Weil sie ja wegen uns Kindern keine Schichten machen kann. Mama hat schon ganz oft selbst versucht, Arbeit zu finden. Und das hat sie auch immer wieder geschafft. Aber sie musste immer wieder aufhören, weil die Leute sie nicht bezahlt haben. Das war eine schlimme Zeit. Da war sie oft traurig und hat deswegen viel geweint.

 

Ich habe auch oft geweint. In meiner früheren Schule wurde ich oft gehänselt, weil ich nicht so schicke Klamotten anhatte, wie die meisten. Das ist, weil Mama für uns immer bei Kik einkaufen geht oder Sachen bei ebay ersteigert. Etwas anderes können wir uns nicht leisten. Aber trotzdem achtet sie immer sehr darauf, dass wir ordentlich aussehen.

 

»Manchmal stellen wir uns vor, dass wir ganz viele tolle Sachen kaufen. Ohne Geldsorgen.«

 

Manchmal habe ich nicht einmal ein Brot mit in der Schule gehabt, weil Mamas Geld wieder einmal knapp war. Das war immer schlimm, weil die anderen mich dann oft ausgelacht haben. Und manchmal ist kein Geld da, um Schulhefte zu kaufen. Dann muss ich das immer in der Schule sagen. Aber meine Lehrerin hat noch nie geschimpft. Manche Kinder an der Schule waren auch wirklich sehr reich. Die hatten sogar Handys und Computer, manche sogar ein IPod! Das habe ich alles nicht. Dass mich andere ärgern und das ich mir manchmal auch so was wünsche – ein Handy oder einen Nintendo DS, so etwas erzähl ich aber Mama meist nicht. Denn wir haben ja für so etwas auch kein Geld. Sie würde sonst wieder so traurig sein. Ich will nicht, dass sie traurig ist.

 

Aber heute ist es auch schon ein bisschen besser. Denn ich gehe in eine andere Schule. Hier sind die meisten arm. Und auch im Jugendclub, in den ich gehe, da sind viele Kinder aus armen Familien. Da macht auch keiner mehr dumme Sprüche. Hier habe ich auch eine beste Freundin, die Loreen, gefunden. Mit Loreen gehe ich gern nachmittags in die Stadt gehe. Wir stellen uns dann vor, dass wir ganz viele tolle Sachen kaufen können. Ohne all die Geldsorgen. Solche Sachen, die ich mir schon immer gewünscht habe – Ohrringen und viele schöne Klamotten. Obwohl ich da auch manchmal großes Glück habe und von Loreen Sachen geschenkt bekomme, die ihr zu klein geworden sind. Die trage ich sehr gern. Und ich gebe sie an andere weiter, wenn ich rausgewachsen bin. Dann kann sich noch ein anderes Kind darüber freuen.

 

Für Mama ist sowas eine Erleichterung. Sie hat ja kein Geld für so etwas oder um zwischendurch was für uns zu kaufen. Nicht einmal für ein Eis für uns Kinder. Aber das ist nicht schlimm. Manchmal im Sommer macht sie selbst Eis zu Hause für uns. Da gibt es dann Joghurteis oder Eis aus Orangensaft und so. Aber das ist auch ganz lecker. Und eigentlich brauchen wir ja auch nichts weiter. Und zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten gibt es auch immer ein Geschenk für mich. Und auch eins für meine Brüder. Mama guckt dann immer im An- und Verkauf oder kauft bei ebay, damit wir ein bisschen sparen können. Und manchmal bekomme ich manchmal auch etwas, dass ich mir ganz doll gewünscht habe. Und Jannik und Felix auch. Da bin ich immer ganz glücklich. Und ich glaube, Mama ist dann auch richtig glücklich. Dann weint sie sogar vor Freude. Dann sitzen wir immer alle zusammen. Und wir spielen was und lachen viel.

»Ich will nicht, dass jemand denkt, ich bin eine Angeberin«

 

Manchmal tue ich mit Loreen so, als wären wir eine Band. Dann machen wir Musik mit selbstgebastelten Instrumenten und singen ganz laut. Aber das geht nur ganz selten, weil ich mir ja mein Zimmer mit Jannik und Felix teilen muss. Da muss ich als große Schwester immer Rücksicht nehmen. Und dann nimmt mich auch Loreens Familie manchmal mit in die Schwimmhalle. Das ist auch immer eine schöne Zeit für mich. Nur in einen richtigen Sportverein oder zur Musikschule kann ich nicht gehen. Das ist für uns zu teuer. Aber von der Schule aus haben wir manchmal nachmittags noch Sport. Da kann jeder mitmachen. Ganz für umsonst. Nur habe ich da Angst wieder gehänselt zu werden, weil ich glaube, dass ich beim Sport ganz gut bin. Ich will ja nicht, dass jemand denkt, ich bin eine Angeberin. Dann tue ich manchmal so, als ob ich gar nicht so gut bin. Damit mich die anderen noch mögen.

 

Wenn Klassenfahrt ist, dann kann ich, Gott sei Dank, mit. Darüber bin ich so glücklich. Mama bekommt dann so einen Schein vom Arbeitsamt. Damit brauchen wir dann nichts zu bezahlen. Da steht drauf, dass wir Hartz IV kriegen und nur 750 Euro im Monat zum Leben haben.

 

Sonst machen wir keinen Urlaub. Bis auf ein Mal! Da waren wir alle zur Kur. Weil es Mama überhaupt nicht mehr gut ging. Sie hatte Kummer, weil sie keine Arbeit hat und weil sie allein mit uns ist. Auch wenn sie gesagt hat, das alles in Ordnung ist und das wir uns keine Sorgen machen müssen. Aber wir haben uns trotzdem Sorgen gemacht. Weil wir auch gesehen haben, wie sehr sie leidet. Auch wenn sie es vor uns niemals zugeben würde. Und als wir dann im Winter weggefahren sind: das war die schönste Zeit überhaupt! Mama hat ganz viel gelacht und hat einmal keine Sorgen gehabt. Und auch Jannik und Felix waren richtig glücklich. Da war einmal alles, wie in einer ganz normalen Familie.

»Ohne Geld wären alle gleich«

Ich weiß, wenn ich mal groß bin, werde ich Politiker. Und dann passe ich auf, dass alle Kinder genug zu essen haben. Und dass jeder eine Arbeit bekommt. Denn wenn man Arbeit hat, hat man auch genug Geld. Und dann ist jeder gleich. Und keiner sagt schlimme Sachen über den anderen. Und dann kann man alles kaufen, was man will!

 

Dann lade ich Mama, Jannik und Felix ins Kino ein oder in die Schwimmhalle. Und wir gehen alle in die Stadt und kaufen uns etwas Schönes. Und dann gibt es so viel Eis, wie wir wollen! Dann lad ich Mama in ein richtiges Eiscafé ein. Da gibt es so viele Sorten, dass wir sie alle gar nicht alle schaffen können!


Manchmal frage ich mich, wer das alles entscheidet? Warum es überhaupt Geld geben muss? Alle Menschen könnten doch auch so glücklich sein. – Ohne Geld! Und alle wären gleich!

 

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