Kinderarmut - in Thüringen und Sachsen (k)ein Thema!?
Ein Rückblick vom Sommer 2007 bis Sommer
2008
»Sind Kinder ein Armutsrisiko? Kann es sich eine
familienfreundliche Gesellschaft leisten, Kinder als Armutsrisiko
zu bezeichnen?« Helmut Roth von MitMenschen e.V. heizt die
Diskussion im Treffen des Erfurter Familienbündnis erneut an.
Einige Kilometer weiter gen Nord-Osten machen im benachbarten
sächsischen Freistaat Initiativen wie Straßenkinder e.V.
und KinderReich e.V. nachdrücklich auf Hilfebedürftige
aufmerksam.
Kinderarmut ist weit
mehr als ein Problem für Sozialhilfeempfänger, obwohl man
schlichtweg nicht verhehlen sollte, dass rund 25 Prozent aller
Kinder in Thüringen von Sozialhilfe leben. Doch auch in
Sachsen sieht die Situation nicht besser aus: Mehr als 120.000
Kinder und Jugendliche sind laut einer aktuellen Studie des
Sozialwissenschaftlers Ullrich Ginzel von der Evangelischen
Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden hier von Armut
betroffen, leben auf Hartz IV-Niveau. Das entspricht 27 Prozent
aller unter 15-Järhigen Sachsen. Ganz zu schweigen von der
Dunkelziffer.
Lehrbücher, Kopier- und Essensgeld für die Schule,
Schreibmaterial - bereits die notwendigsten Dinge für
Schulanfänger seien für viele Familien eine ungeheure
Belastung und kaum zu bewältigen, ist sich die
Bündnisrunde sicher. »Die Schulpflicht ist von diesen
Eltern schlicht nicht zu erfüllen«, bringt Guido
Kläser, Leiter des Sozialamtes der thüringischen
Landeshauptstadt, es schließlich auf den Punkt.
»Eigentlich wird es erst später teuer für die
Familie, nicht ausschließlich zum ersten Schuljahr«,
gibt Anke Klinzing vom Family Club / Deutscher Familienverband
weiterhin zu bedenken. Und so werden kostenfreies Schul- und
Kindergartenessen, kostenlose Fahrten mit Bus und Bahn und auch
freie Eintritte zu Freizeit- und Bildungsstätten rege
diskutiert.
Kinderarmut: - In Erfurt ist sie ein öffentliches Thema. - Der
erste Schritt in die richtige Richtung, damit sich etwas
bewegt…
Ortswechsel:
Die
Stadtkirche in Jena ist eingetaucht in warmes herbstliches
Sonnenlicht. Es ist Weltkindertag im Jahr 2007. Während nur
wenige Meter entfernt der Wochenmarkt Leute zum Spazieren
einlädt und ein angrenzender Rummel ganze Menschenmassen zu
den Karussells und farbenfrohen Buden zieht, herrscht gähnende
Leere auf der Straße vor der Kirche, die an diesem Tag mahnen
und aufrütteln soll - in Gedenken an die Kinder dieser Welt
und an arme Kinder in Jena. - Kaum jemand scheint sich hierher zu
verirren, obwohl das lokale Bündnis für Familien in Jena
selbst zum "Flagge zeigen für Kinder!" aufgerufen hat, um
für Kinderrechte zu sensibilisieren und um Kinderarmut zu
thematisieren.
Das Einzige, was an diesem Tag vielleicht daran erinnert, sind
Stoffbahnen aus weißem Leinen, die um einen Bauzaun
gewickelte wurden, bemalt von Kindern und verziert mit dem Logo des
lokalen Bündnisses. Ruhig ist es auf dem Platz, nur wenige
Stände haben sich vor den Toren der Kirche postiert und noch
weniger Menschen zeigen für diese Veranstaltung ehrliches
Interesse. So hat es weitaus weniger als 25 Menschen in die Kirche
St. Michael gezogen, um den Worten eines engagierten
Fachhochschul-Professors und denen des Sozialbürgermeisters
Jenas, Frank Schenker, zu lauschen, als es um die Kinder dieser
Stadt geht.
Auch die öffentliche Meinung zeigte kein Interesse für
die Veranstaltung: außer unserer Redaktion waren an diesem
Nachmittag des 20. Septembers keine Vertreter von Presse und
lokalem Bündnisses vor Ort.
Ein Zeichen?
Flagge zeigen kann Jena zumindest selbst mit eindeutigen Zahlen in
Sachen Kinderarmut: Einer Studie von "jenarbeit" zu Folge
leben 2.160 Familien in Jena von Hartz IV - darunter 2.925 Kinder
und Jugendliche - 23 Prozent. .1391 dieser Kinder sind jünger
als sechs Jahre, 1.054 zwischen sechs und 15.
Auch im wenige Kilometer entfernten Gera gibt es klare Zahlen.
Aktuell sind hier 3.313 Kinder zwischen null und 15 auf
Sozialleistungen angewiesen. Das sind mittlerweile 36 Prozent aller
Kinder dieser Altersgruppe - Tendenz steigend…
Und um einmal über Gesamt-Thüringen zu sprechen: im
thüringischen Freistaat lebt inzwischen jedes fünfte Kind
unter 15 Jahren an der Armutsgrenze - insgesamt 53.000 Mädchen
und Jungen. Mit allein 35,5 Prozent in Leipzig, 30,1 Prozent in
Chemnitz und 23,4 Prozent in Dresden ist laut Prof. Dr. Wolfgang
Scherer vom Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida die
berechnete Rate der sozial bedürftigen Sprösslinge in
Sachsen ebenfalls nicht wegzudiskutieren.
Eines dieser Kinder ist die zehnjährige Rosa aus der Nähe
von Leipzig. Rosas Eltern sind vor einigen Monaten zusammen mit
Ihrer Tochter und deren beiden Brüdern Thilo und Thomy aufs
Land gezogen, in der Hoffnung, hier sei »das Leben und
Überleben etwas einfacher«, wie es Rosas Mutter Jasmin
ausdrückt. Papa Thorsten arbeitet als Fahrer für ein
Taxiunternehmen. Sein Traum ist eine eigene Spedition, die
international unterwegs ist. Doch an diesem Frühlingstag im
März 2008 hofft er darauf, dass sein Taxi nicht lange stehen
bleiben muss.
Mama Jasmin, einst gelernte Kosmetikerin, versucht sich, neben
ihrem Sozialgeld, in der Landwirtschaft etwas dazuzuverdienen, um
ihre Kinder mit dem Nötigstes versorgen zu können.
»Jeder Cent geht für meine drei drauf. Sie sollen es
trotz unserer Situation nicht schwerer haben als andere Kinder.
Unsere Armut sieht man ihnen nicht an, darauf achten wir
sehr«, erzählt Jasmin nachdenklich.
Verschämte Armut. Ein Zustand, den die meisten Familien hinter
der Wohnungstür verstecken wollen. Und kaum jemand von uns
ahnt, wie es diesen Menschen geht. Ob "Die Tafeln" oder
Kinderschutzbund - tagtäglich rühren sich vielerorts
beherzte Menschen, Vereine und Verbände, um zu helfen.
Lautstark, ohne Rast und Ruhe macht zum Beispiel
Straßenkinder e.V. um "Tante E" in Leipzig seit Jahren
auf die Missstände unter der Devise »Helfen statt
Wegschauen ... wir brauchen Ihre Hilfe. Dringend!« in der
Öffentlichkeit aufmerksam. Auch neue Initiativen wie
KinderReich e.V. wollen den mehr als 8.000 betroffenen Kindern in
der Messestadt neue Möglichkeiten und damit Zukunftsaussichten
bieten und rufen zu Patenschaften auf. Geld für Schulessen,
Unterrichtsmaterial, Spielzeug oder Mitgliedsbeiträge in
Sportklubs soll dadurch zusammenkommen.
Woran kann man Armut eigentlich festmachen? - Wir haben die
gefragt, die wohl am ehrlichsten mit dem Thema umgehen: Kinder.
Miriam, acht Jahre: »Man ist arm,
wenn man in kaputten und viel zu kleinen und großen Sachen
gekleidet in die Schule geht und nichts zu essen hat.«
Stefano, neun Jahre: »Wenn jemand
keine Freunde hat und man nicht mit auf Klassenfahrt fahren kann,
dann ist man arm.«
Maximilian, neun Jahre, lacht: »Ich
glaube, wenn man kein Playstation oder keinen MP3-Player
hat.«
Um den Drittklässer herum stimmen alle Kinder in sein
glucksendes Lachen ein. Jeder von ihnen weiß, dass Maximilian
nur einen Spaß gemacht hat. Und doch sind diese jungen
Menschen sich einig: Es muss viel getan werden!
Schreiben Sie uns Ihre Meinung: Was wird in Ihren Augen schon
getan, was muss noch angepackt werden, um gegen Kinderarmut
anzukämpfen? redaktion@kidsundco-verlag.de





