Die Retter der Tafelrunde
Eine Warteschlange vor der Theke. Freundliche Frauen und Männer dahinter packen emsig viele Beutel mit frischem Obst und Gemüse, Brötchen, einigen Scheiben Wurst und Käse. Konserven sowie eine Flasche Orangenlimonade passen auch noch mit hinein.
So oder ähnlich sieht das Bild an den sechs
Ausgabestellen der Dresdner Tafel aus, wenn sich wöchentlich
10.500 Bedürftige ihr täglich Brot abholen dürfen.
»Die Tendenz ist steigend«, erzählt mir Dr. Edith
Franke, »pro Woche kommen seit Beginn des Jahres etwa 50 neue
Hilfesuchende hinzu.« Sicherlich sind es überwiegend
Menschen, die von Hartz IV betroffen sind. Aber mehr und mehr
gesellen sich Rentner und Studenten sowie geringfügig
Beschäftigte hinzu, deren Einnahmen nicht mehr für die
Versorgung der Familien ausreichen.
Und dann mischen sich weit über 3.000 Kinder unter die
Wartenden vor den Türen der Tafel in der Sächsischen
Landeshauptstadt. Darunter fallen auch bis zu 300
Straßenkids, die im Lindenhaus - dem Kinder- und Jugendtreff
der Dresdner Tafel - neben den Mahlzeiten auch elf Betten zur
Verfügung haben.
Edith Franke kann trotz dieser erdrückenden Zahlen auch
schmunzeln, wenn sie von einem 15-Jährigen berichtet, der bei
jeder Gelegenheit versuchte, für seine Brüder zu
hamstern. »Na, dein Bruder muss ja schon mehr als genug
haben«, hat sie ihm immer wieder gesagt und wundert sich
kopfschüttelnd über das kindliche Geschick, sich mit
Lebensmitteln zu versorgen.
Die Schicksale haben in den letzten Jahren zugenommen und die
Helferin findet es bemerkenswert, wie sich die Betroffenen,
vorwiegend allein stehende Mütter, dem alltäglichen und
zermürbenden Kampf um Essen, für Kleidung oder gegen
Krankheiten stemmen.
Dann schildert die Chefin der Dresdner Tafel noch eine Begebenheit,
die deutlich die Ausweglosigkeit dieser Menschen zeigt. So wandte
sich ein Vater von fünf Kindern aus Sebnitz eines samstags
ganz aufgeregt an sie. Die Arbeitsgemeinschaft hatte nicht
rechtzeitig gezahlt und für die Kinder war zum Wochenende
nichts mehr zu Essen im Hause. Der Nachbar des Familienvaters
borgte 20 Euro für die Fahrt nach Dresden und dort packte
Edith Franke ihm einen Einkaufswagen mit Lebensmitteln voll.
»Dem Familienoberhaupt standen die Tränen in den
Augen«, beschließt sie ihre Erzählung.
Edith Franke ist nicht nur in solchen Momenten stolz
auf ihre Arbeit und die der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, die oft selbst von Hartz IV betroffen sind und
über dieses gemeinnützige Engagement anderen weiterhelfen
wollen. »Aber«, so wirft sie etwas energischer ein,
»die Tafel ist nicht die Stelle, die Regelleistungen für
den Staat übernehmen kann.« Sie deutet auf eine
Anhörung im Landtag über kostenloses Schulessen für
betroffene Kinder. »Wenn das Finanzsystem mit Milliarden
gestützt werden kann, dann muss auch Geld für die
Jüngsten übrig sein«, meint sie.
Mit dieser Leidenschaft streitet die Tafelchefin nicht nur ganz
oben, sondern auch bei den regionalen Partnern. Schließlich
wollen 80 soziale Einrichtungen, darunter 40 für Kinder und
Jugendliche, regelmäßig einmal die Woche beliefert
werden. Und in Dresden Rieck, einem Wohngebiet mit vielen Hartz
IV-Empfängern, wird dreimal an bis zu 50 Schüler ein
Frühstück ausgegeben. »Kinder liegen allen
Mitarbeitern am meisten am Herzen«, leitet Edith Franke zu
den Kinderweihnachtsfeiern über. Daher wird es auch in diesem
Jahr wieder drei Veranstaltungen, zusätzlich zu denen für
die Erwachsenen, geben. Zudem hat sie sich bei dem
ortsansässigen Backwarenproduzenten für jeden Betroffenen
einen kleinen Stollen zu Weihnachten erkämpft, denn sie sagt:
»Ein Stollen gehört einfach zum Fest dazu.«





