Eigentlich wollte ich sterben ... Trotzdem eine Mutmachgeschichte
Helgard Karsch bricht ihr Schweigen über einen Schicksalsschlag, dem sie sich schließlich kampfesbereit entgegen gestellt hat. - Ihre Geschichte erzählt bewegende Momente von Tagen voller Verzweiflung und Aussichtslosigkeit - aber auch von zurückkehrender Hoffnung und dem wiedererkämpften Willen zu Leben.
Diese, meine Geschichte, soll all denen helfen, die oftmals nicht mehr weiter wissen und am Verzweifeln sind.
Trotz regelmäßiger Nachsorge wurde im Juli 2006 festgestellt, dass der Kehlkopf vom Krebs befallen war. Dies bedeutete, dass der Kehlkopf entfernt werden müsste und sich damit mein ganzes Leben ändern würde. Alles was ich mir in den zwei Jahren zurückerobert hatte, wäre mit einem Schlag wieder weg gewesen. Ich hätte auch nach der Operation keine Stimme mehr. Da ich Lehrer war und die Stimme mein Hauptinstrument gewesen ist, konnte ich mich überhaupt nicht damit abfinden. Für mich war Stimme gleichgesetzt mit Persönlichkeit. Die zu verlieren war ich nicht bereit. Ich wollte mich nach längeren Überlegungen nicht mehr operieren lassen, sondern wollte einfach sterben.
Ich hatte 64 Jahre glücklich gelebt, hatte eine tolle Familie und einen Beruf, den ich geliebt habe und der mich voll ausgefüllt hat. Aber da hatte ich die Rechnung ohne meine Familie gemacht. Sie litten mehr als ich und konnten mich nicht verstehen. Für sie kam das nicht in Frage. So redeten sie mir ein schlechtes Gewissen ein. Ich hatte auch keine Zeit, noch weiter darüber nachzudenken, da jeder Tag zählte. Also ließ ich es einfach geschehen. Vielleicht würde ich ja auch nicht wieder wach. Dieser Gedanke war für mich die beste Lösung.
Nun ging alles von einem Tag auf den anderen. Nach der Operation wurde ich doch wieder wach. Meine Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt. Als ich die Stimme der Ärztin hörte, die mich aufforderte die Augen zu öffnen, wollte ich das nicht. Aber die Ärztin ließ mich nicht in Ruhe. Ich schrieb ihr auf die Tafel, dass ich müde bin. Meine Familie war auch da, ich merkte wie sie von meinem Aussehen erschüttert waren, aber ich konnte auch nicht reagieren.
Dies alles weiß ich nur vom Erzählen, denn die ersten fünf Tage habe ich nicht bewusst mitbekommen. Heute weiß ich, dass dies eine gewollte Verweigerung von meiner Seite war. Im Krankenhaus in Weimar gab man sich mit mir die allergrößte Mühe. Ich bekam eine Physiotherapeutin, die mich früh behandelte und mich nachmittags zum Aufstehen zwang. Die Krankenschwestern halfen mir, wo sie nur konnten, ermunterten mich aber gleichzeitig, wieder Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Die Ärzte ließen sich viel Zeit und erklärten mir geduldig alles, was ich wissen wollte. Besonders half mir Frau Dr. Aschenbach. Sie war einfühlsam, aber auch sehr resolut. Sie ließ "dumme" Gedanken gar nicht erst aufkommen. Ich fühlte mich total gut aufgehoben und erholte mich so nach und nach wieder. Trotzdem brauchte ich fast sechs Wochen, ehe ich entlassen werden konnte.
Meine Angst vor zu Hause war sehr groß. Konnte ich mich medizinisch ganz allein versorgen, würde ich meine Familie zu sehr strapatzieren? Für meine drei Enkel war es eine besonders wichtige Zeit, denn sie standen vor entscheidenden Schulabschlüssen. Ich fühlte mich schuldig, denn sie hatten in dieser Zeit in ihren Leistungen nachgelassen. Ich gab mich stark und vertuschte so manches. Nun stand mir ja auch noch die Bestrahlung und die Chemotherapie bevor. Tapfer versuchte ich, diese lange Zeit durchzustehen, nahm aber jede Krankheit mit, die man in dieser Situation bekommen kann.
Da ich nun aber am Leben geblieben war, hatte ich das "Kämpfen" wieder gelernt. Nun wollte ich nur noch auf die Beine kommen. Im November 2006 fuhr ich zur Heilanschlusskur nach nach Bad Sooden- Allendorf. Eigentlich war mir danach gar nicht zu mute, denn ich war so schwach und entkräftet und wollte nur in Ruhe gelassen werden. Am liebsten wäre ich gleich wieder nach Hause gefahren. Bis dahin hatte ich noch nicht sprechen gelernt und ein Täfelchen war mein ständiger Begleiter. Inzwischen verständigte ich mich mit meiner Familie über SMS, ich konnte es nun so schnell wie meine Enkelkinder. Aber mein allergrößtes Ziel war ja, wieder Sprechen zu lernen. Also freute ich mich auf den Logopäden.
Als ich am nächsten Tag meinen Behandlungsplan für drei Tage bekam, stand leider nur einmal eine logopädische Betreuung darauf. Sofort war ich wieder verzweifelt und sah mein Ziel in die Ferne rücken. Genau so brachte ich es auch auf meinem Täfelchen zum Ausdruck. Er schaute mich nur an und sagte, dass er die Termine machen würde und ich froh sein würde, wenn ich sein Gesicht nicht jeden Tag sehen müsste. Dies beruhigte mich sofort. Ich fühlte mich in der Sonnenbergklinik von Tag zu Tag wohler. Die Schwestern waren sehr aufmerksam und halfen mir bei der Eingewöhnung. Die Behandlungen taten mir gut und ich unterstützte diese auch aktiv. Der Logopäde versorgte mich erst einmal mit neuen Hilfsmitteln und wir probierten alles durch, um ein Pflaster zu finden, das bei mir hält. Dies war die Voraussetzung für das Sprechen. Die ersten Erfolge stellten sich ein. Ganz stolz führte mich der Logopäde durchs Haus und zeigte den Schwestern und Therapeuten meine Sprechversuche.
Die Stimme, die ich jetzt hatte, erschreckte mich sehr und ich traute mich gar nicht, sie zu gebrauchen. Der Logopäde, Herr Hormes, machte mir klar, dass dies jetzt meine Stimme ist und ich keine andere Wahl hatte. Nun betrieb er Lebenshilfe. Er ging mit mir Kaffeetrinken und ich musste verlangen. Eigentlich trinke ich viel lieber Cappuccino, aber da hätte ich ja noch mehr reden müssen, also trank ich mit ihm ganz tapfer meinen Kaffee. Dabei unterhielt er sich mit mir und er hatte recht.
Die anderen Gäste schauten erst, wer diese Stimme hatte, aber dann interessierten sie sich nicht mehr dafür. So bekam ich immer mehr Mut und verlangte nun auch meinen Cappuccino. Dies alles tat mir unendlich gut. Mein Täfelchen hatte Herr Hormes schon verbannt. Nun fing ich auch an, die ersten Kontakte mit den Mitpatienten zu knüpfen. Auch das Einkaufen machte mir wieder Spaß. Das wurde eine teure Kur. Aber mein Mann sagte nichts dazu. Er merkte, dass es mir gut tat.
Wie oft habe ich mit meinen Kindern über das Glück philosophiert und bekam fast immer zur Antwort, dass es das größte Glück ist, eine Familie zu haben, die sich kümmert und auch bei Problemen hilft. Diese Familie hatte ich auch. Sie kümmerten sich rührend um mich, ohne mir das Gefühl zu geben, nun abhängig geworden zu sein. Für sie war ich weiterhin eine Persönlichkeit. Ich hatte auch Freunde und liebe Bekannte, die mich während meiner Erkrankung nie im Stich gelassen haben. Natürlich gab es auch Enttäuschungen und auch damit musste ich fertig werden. Heute weiß ich, welche Freundschaften es wert waren, dass sie erhalten geblieben sind. Ich stellte fest, dass man sein Glück auch selbst besser finden kann, wenn man positiv denkt und sich auch nur mit Menschen umgibt, die genau so denken. Heute bin ich aufmerksamer zu meinen Mitmenschen, urteile nie vorschnell und akzeptiere ihre Meinungen. Es muss ja nicht unbedingt meine Meinung sein.
Ich habe das große Glück, Ärzte zu haben, die mich nicht als Krankheit, sondern als Gesamtpersönlichkeit sehen. Andere Ärzte würde ich auch nicht mehr akzeptieren. Hier bedanke ich mich besonders bei den Ärzten der HNO-Station des Sophien- und Hufelandklinikums in Weimar. So wurde ich dort von Prof. Arndt und meiner betreuenden Ärztin Frau Dr. Aschenbach und auch allen anderen Ärzten hervorragend betreut und genieße dies heute noch bei den Vorsorgeuntersuchungen. Auch Prof. Eßer vom Helios-Klinikum steht mir immer kompetent mit Rat und Tat zur Seite. Dafür bedanke ich mich herzlich. Ich habe gelernt, mir meine Rechte zu erkämpfen und mich immer umfassend zu informieren. Dabei habe ich viele Helfer gefunden.
Nun jährt sich die Operation, ich kann gut sprechen und fühle mich körperlich so gestärkt, dass ich jetzt wieder in der Lage bin, in mein Fitness-Studio zu gehen und auch wieder aktiv am Nordic Walking teilzunehmen. Mein lustiger Schwiegersohn sagt oft zu mir: "Du kannst jetzt schon fast wieder zu viel reden, ein bisschen weniger war auch nicht schlecht." Da müssen wir immer herzlich lachen.
