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Millionen Menschen in Deutschland leiden an Kontinenz-Problemen. Über Inkontinenz reden, ist der erste Schritt zur Besserung - Gespräch mit Experten des Katholischen Krankenhauses Erfurt

Sechs Millionen Menschen in Deutschland haben Kontinenz-Probleme, leiden unter ungewolltem Harn- oder Stuhlverlust. Die Tendenz ist dabei steigend, weil unsere Gesellschaft immer älter wird. Nur darüber reden, das will niemand. Betroffene sprechen darüber weder mit ihrem Arzt, geschweige denn mit Freunden, Bekannten oder Verwandten. Einige Patienten greifen sogar zur Selbsthilfe, besorgen sich Windeln für Erwachsene, nehmen mehr oder weniger wirksame Medikamente ein und hoffen, dass sich die Sache irgendwann von selbst erledigt. Allerdings: Eine nicht behandelte Inkontinenz verkürzt auf Dauer das Leben. Betroffene ziehen sich zurück, wagen sich nicht mehr unter Menschen, werden einsam und schließlich depressiv.

Der erste Schritt zur Besserung ist, offen mit dem Problem umzugehen. Wir haben deshalb mit drei Fachleuten des Katholischen Krankenhauses "St. Johann Nepomuk" Erfurt gesprochen, um mehr über das Thema der Harn- und Stuhlinkontinenz zu erfahren. Dr. med. Jörg Pertschy, Chefarzt der Klink für Allgemein- und Visceralchirurgie, Dr. med. Jürgen Könnecke, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe und Dr. med. Josef Schweiger, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie, standen uns als Gesprächspartner zur Verfügung.

Herr Dr. Schweiger, ganz allgemein gefragt: Was ist eigentlich Inkontinenz und was können die Ursachen hierfür sein?

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen der Harn- und der Stuhlinkontinenz, wobei wir hier zunächst über die Harninkontinenz sprechen wollen, dem unwillkürlichen Urinverlust. Die Harnblase hat im Wesentlichen zwei Funktionen: Sie soll Urin speichern, aber auch zur rechten Zeit entleeren können. Beide Funktionen, die der Speicherung und die der Entleerung, können gestört sein. Zu den Speicherstörungen gehört die sehr häufige Belastungsinkontinenz, die früher auch missverständlich als "Stressinkontinenz" bezeichnet wurde. Gemeint ist dabei, dass es unter Belastung (körperlichem Stress) zu unwillkürlichem Urinabgang kommt. Das kann passieren bei schwerem Heben, Husten, Niesen, Lachen, aber - in schweren Fällen - bereits beim Aufstehen oder Gehen.

Bei der Dranginkontinenz dagegen spielt eine körperliche Belastung keine ursächliche Rolle. Hier zieht sich der, das Hohlorgan Harnblase bildende, Muskel zur Unzeit zusammen und presst den Urin nach außen. Die Ursachen können vielfältig sein. Sie reichen von einer chronischen Entzündung über Steine, Tumore bis hin zu einem eigenständigen Krankheitsbild ohne erkennbare Ursachen.

Aber auch eine Störung der Entleerungsfunktion kann - paradoxerweise - zur Harninkontinenz führen. Eine vergrößerte Prostata beispielsweise behindert ja zunächst den Harnabfluss. Wenn sich auf Grund dieser Behinderung sehr viel Urin in der Harnblase gesammelt hat, kann es dann zum schwallartigen unwillkürlichen Überlaufen über die Harnröhre kommen. Schließlich führen Störungen der Nervenversorgung der Harnblase zu allen möglichen Formen der Inkontinenz. Als Beispiel sei der Querschnittsgelähmte genannt, bei dem nicht nur die Beine gelähmt sind, sondern auch die Harnblase. Diese entleert sich dann unwillkürlich reflexartig.

Wie beurteilt man eigentlich die Schwere eines Kontinenzproblems? Soll man schon beim "leichten Tröpfeln" zum Arzt gehen?

Die Reaktionen der Menschen beim Auftreten einer Harninkontinenz sind sehr unterschiedlich. Manche suchen schon bei "leichtem Tröpfeln" - wie Sie es formulieren - den Arzt auf, andere versorgen sich selbst über Jahre mit Windeln, ohne ärztlichen Rat in Anspruch zu nehmen. Meine Empfehlung: Lassen sie bereits das "Tröpfeln" bei einem Experten, einem Gynäkologen oder Urologen, abklären, der eine Diagnostik mit Augenmaß vornehmen wird.

Und was erwartet die Patienten, die mit ihrem Problem zum Arzt kommen?

Zunächst wird der Arzt eine ausführliche Anamnese erheben, d.h. Sie über die Art Ihrer Beschwerden und eventuelle Vorerkrankungen und Voroperationen genau befragen. Ebenso ist eine gründliche körperliche Untersuchung unerlässlich. Dann werden sich zwei weitere, nicht belastende diagnostische Maßnahmen anschließen: Eine Urinuntersuchung kann das Vorliegen einer Harnblasenentzündung nachweisen oder ausschließen. Der Ultraschall zeigt uns, ob sich die Harnblase ausreichend entleert oder ob eine Überlaufblase vorliegt. Eine aufwändigere Diagnostik wie Blasendruckmessung, Blasenspiegelung oder Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel wird nur durchgeführt, wenn sie unbedingt nötig ist.

Herr Dr. Könnecke, mehr Frauen als Männer sind von Kontinenz-Problemen betroffen. Woran liegt das?

Die Kontinenz-Probleme von Mann und Frau sind grundsätzlich nicht miteinander vergleichbar. Bei der Frau steht die Belastungsinkontinenz im Vordergrund und ist vorwiegend Ausdruck einer Schädigung oder Insuffizienz der Beckenbodenmuskulatur bzw. des Halte- und Bandapparates der inneren Genitalorgane. Die häufigsten Ursachen dieser Entwicklung scheinen schwierige Geburtsverläufe, angeborene Bindegewebsschwäche, schwere körperliche Arbeit, chronische Erkrankungen der Atmungsorgane (Asthma) oder Darmverstopfungen zu sein. Je nach Art der Befragung sind zwischen 20 und 40 Prozent der Frauen aller Altersgruppen betroffen. Wichtig erscheint mir dabei die Feststellung, dass die Mehrzahl der betroffenen Frauen erste Symptome des unwillkürlichen Urinabganges schon in jüngeren Lebensabschnitten verspürt. Lediglich der Schweregrad und damit die Einschränkung der Lebensqualität nehmen im Laufe des Alters zu. Bei der so genannten Blasenschwäche der Frau müssen wir also von einer echten Volkskrankheit sprechen.

Harninkontinenz gehört zu den großen Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Noch mehr mit Scham besetzt ist das Thema der Stuhlinkontinenz, auch wenn in Deutschland etwa einer von hundert Menschen betroffen ist, das sind bundesweit über 800.000 Patienten. Herr Dr. Pertschy, wie macht sich Stuhlinkontinenz bemerkbar und was können die Ursachen hierfür sein?

Wir erleben immer wieder, dass Patienten mit Stuhlinkontinenz die speziellen Symptome nicht von sich aus angeben, sondern das Problem umschreiben, indem sie über vage Beschwerden wie Durchfälle bzw. Luftabgänge klagen. Darum ist es zunächst unsere Aufgabe, Patienten, die inkontinent sein könnten, gezielt zu befragen. Wir müssen diese Patienten konkret darauf ansprechen, ob sie Einlagen tragen, ob sie Perioden bemerken, in denen sie keine Stuhlkontrolle haben oder ob sie Stuhlgang erleben, ohne dies zu bemerken. Auch hier sind Frauen leider häufiger betroffen als Männer und häufig ist die Stuhlinkontinenz mit einer Harninkontinenz vergesellschaftet. Gerade der Muskelumbau im Bereich des Beckenbodens bei der Frau nach der Menopause ist eine häufige Ursache. Aber auch nach operativen Eingriffen im Bereich des Enddarmes oder nach Entbindungen kann die Stuhlinkontinenz die Folge einer Verletzung des inneren Schließmuskels sein. Schlussendlich kann die Inkontinenz aber auch aufgrund einer Störung im Funktionsablauf des Enddarmes auftreten. Häufige Gründe hierfür können Mastdarmvorfall, vorausgegangene Operationen im Bereich des Beckenbodens, aber auch eine Bestrahlungstherapie sein.

Und wie können Sie helfen? Gibt es bestimmte Trainingsformen, die die Schließmuskulatur stärken oder empfehlen Sie immer eine Operation?

Primäres Ziel der Behandlung ist immer, die Beschwerden zumindest zu lindern oder, falls möglich, zu beseitigen. Dafür ist eine exakte Einschätzung und Diagnose notwendig. Dabei werden zunächst mit Hilfe der apparativen Diagnostik und der klinischen Untersuchung Ursache und Schweregrad der Erkrankung ermittelt. Anhand dieser Parameter werden anschließend individuell abgestimmte Therapien eingeleitet. Diese reichen von einfachen diätetischen Maßnahmen über so genannte Biofeedback-Therapien (Trainingsmethoden) sowie Behandlungsformen im Sinne der Elektrostimulation bis hin zu operativen Therapiekonsequenzen, die aber letztendlich nur bei jedem achten Betroffenen notwendig sind. Grundsätzlich gilt: Jede anale Inkontinenz erfordert ein individuelles Therapieregime auf der Basis einer exakten Diagnosestellung.

Herr Dr. Schweiger, wie stehen die Chancen, wieder kontinent zu werden?

Für die Behandlung der Harninkontinenz steht uns ein breites Repertoire zur Verfügung. Das A und O ist natürlich eine gründliche Diagnostik, um die einzelnen Formen der Inkontinenz voneinander unterscheiden zu können. So stehen uns für die Therapie der Dranginkontinenz eine ganze Reihe wirkungsvoller Medikamente zur Verfügung, die die Blase in ihrer Überaktivität dämpfen können. Bei der Belastungsinkontinenz der Frau wird zunächst eine Beckenbodengymnastik verordnet werden. Oft ist eine lokale Oestrogenbehandlung hilfreich, manchmal helfen auch Medikamente, die den Schließmuskel kräftigen. Bei schwereren Formen hat sich die operative Einlage von spannungsfreien Bändern, so genannten TVT-Bändern, um die Harnröhre herum bewährt. Die Belastungsinkontinenz bei Männern, die sehr selten ist und meist nur nach Prostataoperationen in einzelnen Fällen auftritt, bedarf meist einer Operation. Standard war bisher die Implantation eines künstlichen Schließmuskels. Eine interessante, wesentlich weniger aufwändige Variante ist die Implantation eines Ballonsystems neben die Harnröhre (Pro-ACT). Dieses Therapieverfahren konnten wir als erste in Thüringen mit sehr guten Erfolgen in der Klinik für Urologie und Kinderurologie des Katholischen Krankenhauses Erfurt etablieren.

Herr Dr. Könnecke - Stichwort TVT-Band. Was ist das eigentlich und wie wird es eingesetzt?

Beim TVT-Band, dem spannungsfreien Vaginalband, handelt es sich um einen ca. 1 cm breiten Polypropylenstreifen, der unter der mittleren Harnröhre platziert wird und so bei Erhöhung des Drucks im Bauchbereich für einen effektiven Verschluss der Harnröhre sorgt. Von dieser Methode können mehr als 90 Prozent aller Patientinnen dauerhaft profitieren. Der Eingriff kann in Regionalanästhesie erfolgen und dauert etwa zwanzig Minuten. Von außen sind lediglich zwei minimale Schnitte zu sehen.

Die Komplikationsrate ist äußerst gering, der stationäre Aufenthalt im Krankenhaus überschreitet selten zwei Tage. Allerdings ist das TVT-Band trotz dieser sehr guten Erfolge kein Allheilmittel. Wenn nämlich neben dem Symptom "Belastungsinkontinenz" noch eine erhebliche Senkung der inneren Genitalorgane einschließlich Harnblase mit entsprechendem Beschwerdebild im Vordergrund steht, kann das Einbringen des TVTBandes nur einen Teil der Gesamtrekonstruktion des Beckenbodens darstellen.

Herr Dr. Pertschy, muss man Angst haben, mit einem Kontinenz-Problem zum Arzt zu gehen?

Auch wenn die Kontinenz-Problematik oftmals schambehaftet ist, kann eine fehlende medizinische Therapie bzw. eine Verzögerung zu einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität des Betroffenen bis hin zu seiner sozialen Isolierung führen. Gleiches gilt übrigens auch für die entgegengesetzte Symptomatik, der Obstipation (Verstopfung), weil auch hier Störungen im Bereich des Beckenbodens vor allem bei der Frau oftmals ursächlich sind für Probleme bei der Darmentleerung. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass auch bösartige Erkrankungen des Enddarmes zu einer Inkontinenz oder Verstopfungssymptomatik führen können. Gerade bei bösartigen Erkrankungen wissen wir, dass bei frühzeitiger Diagnostik die besten Therapieergebnisse zu erzielen sind. Also noch ein Argument mehr, rechtzeitig und ohne Schamgefühl einen Arzt aufzusuchen. Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Gespräch führte Till Haufs für 60plusminus.

Hilfreiche Internet-Links:

www.kontinenz-gesellschaft.de
www.selbsthilfeverband-inkontinenz.org

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