Schätze der Luft
Etwas wackelig bewege ich mich auf einer steilen Holztreppe in einer Scheune einige Stufen nach oben auf den Dachboden. Trotz der akkurat wirkenden Bauweise des selbst konstruierten Aufgangs fühle ich mich etwas unwohl. Links und rechts befindet sich nichts zum Festhalten, die Stufen sind schmal. Zum Glück knarrt hier nichts. Aber es gurrt!...
Je höher
ich komme, desto lauter werden die fast melodisch klingenden Laute.
Steve Keßler geht diese Treppe mehrmals am Tag auf und ab.
Sie führen ihn zu seinem kostbaren Schatz - seinem
Taubenschlag.
Kaum oben bei der gurrenden Meute angekommen, bin ich sofort nach
der Einladung des überraschend jungen Taubenzüchters
"mittendrin, statt nur dabei", hocke auf dem Boden und locke
die hübschen Vögel mit Futterkügelchen. Dabei trete
ich auch in das eine oder andere Taubenhäufchen, begleitet mit
dem Kommentar, ich solle froh sein, dass das hier kein Kuhstall
ist… Während ich noch darüber lache, werde ich von
dem erst 26jährigen zur Ruhe gemahnt: »Das sind Tauben.
Da muss man ruhig bleiben.« Nicht nur ein junger, sondern
noch dazu ein sehr feinfühliger Fachmann also, wie sich auch
im weiteren Gespräch herausstellt.
Angefangen hat für Steve Keßler alles schon in
frühester Kindheit. Als der landwirtschaftlich interessierte
Sohn seinen Vater Ulrich 1992 nach Sollstedt im Landkreis
Nordhausen zu einer Geflügelschau begleitet, zieht er bei
einer Tombola ein Los, das sprichwörtlich alles
verändert: Er gewinnt eine Rassetaube. Ganz stolz auf sein
erstes eigenes Tier eilt der damals Zehnjährige nach Hause und
baut in Obergebra in der elterlichen Scheune einen Taubenschlag.
»Als der fertig gebaut war, hat mir ein Sportfreund - mein
"Ziehvater", wie ich ihn immer nenne - sechs Brieftauben
geschenkt, als Anreiz für den Taubensport.« Von da an
ist der junge Züchter hingerissen von den Brieftauben:
»Im Gegensatz zu meiner Schönheitstaube, die nur 100
Meter fliegen wollte, haben diese in der Luft richtig Ballett
gemacht«, erinnert er sich.
Weil er so viel Freude am Training der Tiere entwickelt und sieht,
dass sie wieder nach Flügen heimkehren, dauert es nicht lange,
bis sich die benachbarten Vereine um den Jugendlichen regelrecht
streiten. »Die haben jemanden gesucht, der das Protokoll
schreibt«, witzelt sein langjähriger Freund und Partner
Siegfried Fischer, 55 Jahre. Zuerst schickt Steve Keßler
seine trainierten Tauben 1994 im Sollstedter Verein, aus dem sein
"Ziehvater" stammt, mit auf die Reise. Doch dann zieht es den
heimatverbundenen Steve Keßler wieder nach Obergebra.
»Am Anfang wurde ich hier von den umliegenden Sportfreunden
gut unterstützt. Ich bekam noch mehr Tauben. Aber von jedem
Dorf ein Hund, das ist schlecht.« Die "Hilfe" ist also
auch als geschickter Anreiz gedacht: »Ich wollte mir eine
Sorte züchten. Aber um die Besten auszulesen, musste ich an
Flügen teilnehmen, um sie zu bewerten«, erzählt der
junge Mann, während in seinen Augen der gewisse Funke Ehrgeiz
aufleuchtet.
Aus den anfänglich sechs Tauben ist in diesen 13 Jahren eine
Zucht mit rund 150 Tieren entstanden und der Schlag ist auf 75
Quadratmeter ausgebaut worden. »Mein Vater hat mitgebaut,
allein hätte ich das nicht geschafft. Mein ganzes Urlaubs- und
Weihnachtsgeld und der Verdienst aus meiner Ferienarbeit gingen
für das Hobby drauf.«, erzählt der ambitionierte
Züchter. "Gutflug Gebra", dessen fünftes Mitglied er
1994 wird, zählt inzwischen die doppelte Zahl an Mitgliedern.
Ein guter Zuwachs, denn immerhin »macht man das nur aus
Freude am Tier«, lobt Steve Keßler seine
Mitstreiter.
Das zeugt von Gemeinschaftssinn, so glaube ich
jedenfalls. Doch ich werde schmunzelnd von Steve Keßler und
Siegfried Fischer darüber aufgeklärt, dass »fast
alle "kleine Egoisten" sind. Jeder möchte seinen Vorteil
haben und schweigt sich darüber aus, was er füttert oder
für die Tiere ausgibt. Das ist lustig, jeder Sieger denkt, es
liegt an seinem Rezept, aber es gibt ja keins. Das ist alles
Glückssache.« Dass es auch einen Armen treffen kann und
er den Hauptgewinn landen kann, sei für den jungen Mann das
Schöne an diesem Hobby. Und auch die Paarung spielt dabei eine
untergeordnete Rolle, so klärt mich Siegfried Fischer, der in
diesem Jahr sein 40. Vereinsjubiläum feiert, überzeugend
auf: »Doktor und Doktor ergibt ja auch nicht gleich
Professor.«
Wie die besten Tiere, müsse auch der Taubenzüchter
»was im Kopf haben«: »Im Taubensport musst du
vieles sein: Tierarzt, Handwerker, Genetiker, Zoologe,
Ernährungswissenschaftler, Meteorologe und vor allem
Lehrer.« Ein guter Lehrer ist man dann, wenn die Jungen
bereits »wie die Raketen vom Dach schießen, wenn ich
pfeife. Die gesunde Mischung aus allen oben genannten Berufungen
erweist sich als noch besser, wenn die Tauben so schnell wie
möglich vom Flug wieder heimkehren. »Mein bester
Trainingsflug lag bei 86 Tauben, die nach einer Minute wieder hier
waren. Das war ein Traum.«
Einmal habe er auf Wunsch seiner Freundin Anke ihrem besonderen
Liebling statt einer Nummer auch einen Namen gegeben: Phillip. Mit
ihm konnten sie spielen, er war zahm und fraß aus der Hand.
Aber er flog los, als ein Habicht kreiste und kam nicht wieder.
»Nie Namen geben! Das vermenschlicht den Sport zu sehr. Nur
eine Super-Taube verdient einen Namen«, ist seine Lehre aus
dieser traurigen Geschichte.
So wie manche Taube sind auch seine Freundinnen oft nicht
wiedergekommen. »Die sind nicht weggeflogen, aber
weggelaufen. Man braucht schon eine tolerante Freundin. In der
Woche verbringe ich viel Zeit mit den Tieren und in der Flugzeit
geht's jeden Sonntag früh um sieben los.« Es gibt
für ihn im Sommer keinen Urlaub. »Wenn wir länger
als eine Woche weg sind, hat er keine Ruhe mehr. Er ist dann
richtig unzufrieden«, beschreibt Steve Keßlers Freundin
seinen Kontrollzwang. Auch sie hilft beim Saubermachen oder
Füttern und fährt mit zu den Auslassungsplätzen der
Trainingsflüge. »Es ist eben nicht das
familienfreundlichste Hobby. Wenn ich irgendwann mal ein Bengelchen
haben sollte, kommt der bei Interesse mit in die
Schlaggemeinschaft«, sagt er augenzwinkernd.
Dass so viele Alte zu den Freunden gehören, schrecke die
jungen Damen eben ab, erklärt uns auch Siegfried Fischer. Das
Durchschnittsalter bei "Gutflug Gebra" liege bei 50 Jahren,
womit sie noch ein halbwegs junger Verein seien. Junge Leute
kämen kaum noch hinzu, denkt er. Denn der Umgang mit Lebewesen
würde kaum noch gelernt werden. »Die
Einschränkungen werden immer da sein. Im Taubensport darfst du
nichts schleifen lassen. Das wird doppelt bestraft.« Aus
diesem Grund haben die zwei Sportfreunde die Schlaggemeinschaft
Keßler-Fischer gegründet »Jugend voran«,
sagt der Ältere der beiden augendzwinkernd zum Namen. Als
selbständiger Zimmermeister verbringt Steve Keßler seit
der Firmengründung viel Zeit auf der Arbeit. Da springt sein
Freund gern ein und versorgt auch dessen Tiere. »Bist du bei
zwei von den zwölf Flügen nicht mit dabei, hast du das
ganze Jahr verschenkt.«
In den letzten zwei Jahren war Steve Keßler mit dem
ersten Platz auch der "Meister" im Verein. Im Winter, wenn
sich die Tiere mausern, widmen sich die Mitglieder der Siegerehrung
und treffen sich monatlich. Um neue Mitglieder ist man immer
bemüht. Der Vorsitzende Kurt Hartung ist besonders in der
Jugendarbeit sehr engagiert, wofür man ihn sehr lobt. In der
Reisevereinigung Mühlhausen/Unstrut, der "Gutflug Gebra"
angehört, sind insgesamt nur wenige von insgesamt 70
Züchtern unter 30 Jahre alt.
- Tauben erinnern sich an ihren Geburtsort. Mit einem so genannten
"Zuflieger" hat man selten Glück. Ist er wieder bei
Kräften, findet er meist in seine Heimat zurück.
- Ein Brieftaube wird 18 bis 20 Jahre alt.
- Die Forschung hat noch nicht hundertprozentig herausfinden
können, warum die Tauben ein gutes Orientierungsvermögen
besitzen. Man hat Eiseneinlagerungen in den Zellen der
Schnäbel nachgewiesen. Vermutlich richtet sich eine Taube auch
nach dem Mond oder nach den Erdpolen. Fakt ist, Tiere mit verbunden
Augen finden wieder zum heimatlichen Taubenschlag zurück. Der
Geruch kann auch eine Rolle spielen.
- Den Brieftaubensport gibt es in Thüringen seit mehr als 130
Jahren. Die erste Züchtergemeinschaft gab es 1870 - die
"Brieftaubengesellschaft zu Pößneck".
- Früher dienten Brieftauben militärischen Zwecken. In
der Schweiz nutzte man die Tiere bis 1997 noch in der Armee
für die Nachrichtenübermittlung.
- In der DDR war eine polizeiliche Genehmigung und eine
Mitgliedschaft im Verein erforderlich. Aus dem Begriff
"Brieftaube" wurde damals "Sporttaube". Der Sport durfte
nur mit beringten Tauben und die Flüge ausschließlich
außerhalb einer Sperrgebietzone durchgeführt werden.
- Früher war für die Auswertung von Flugrennen eine
Konstatieruhr nötig. Heute läuft die Bewertung über
einen Computerring und Scanner.
www.brieftaube.de - Seite des Verbands deutscher
Brieftaubenzüchter e.V.
