Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein
... verrät im exklusiven "KIDS und Co" Gespräch, wie der 21. Mai 2006 sein Leben veränderte, was es in der Erfurter Politik noch anzupacken gilt und warum abends im Rathaus manchmal noch Licht brennt…
Herr Bausewein, was liegt denn gerade auf Ihrem
Schreibtisch?
Ach Gott, alles mögliche. Was von außen nicht so
wahrgenommen wird, sind die vielen Termine, die ich habe und diese
ganz normale Verwaltungsarbeit, die jeder machen muss und die auch
den größten Teil meiner Arbeit ausmacht. Da geht es
schlichtweg um Stadtratsvorlagen und -anfragen, um
Fördermittelanträge, unter die die Unterschrift des
Oberbürgermeisters muss, oder aber auch den allgemeinen
Schriftverkehr - also quer durch den Gemüsegarten…
Das sind natürlich die Dinge, die in der Öffentlichkeit
wenig präsent sind. Anders ist es, wenn man im Stadtrat sitzt,
etwas eingeweiht wird oder man auf dem Weg zu Terminen durch die
Innenstadt läuft. - Aber die vielen Stunden, die man hier am
Schreibtisch sitzt bis abends um zehn, elf Uhr und sich alles noch
durchliest und vorbereitet …
…sieht wirklich niemand? (lacht
herzlich)
Nun, die sind insofern sichtbar, als dass im Rathaus auch in den
späten Abendstunden noch Licht brennt.
Welche Dinge haben Sie denn in Ihrer nunmehr
zweijährigen Amtszeit bereits ins Rollen bringen
können?
Wir haben im vergangenen Jahr 15,8 Millionen Euro Schulden
abgebaut. Damit sind wir unter die 200 Millionen-Grenze gerutscht
und haben eine Pro-Kopf-Verschuldung in Erfurt von unter tausend
Euro! Allein mit dem Geld, welches im Jahr 2007 an Schulden
abgebaut worden ist, sparen wir in diesem Jahr 500.000 Euro Zinsen!
Zudem wurde in diesem Jahr so viel Geld wie noch nie für die
Sanierung und für den Ersatzneubau von Kindertagesstätten
in den Haushalt eingestellt: 5 Millionen Euro! Der Sanierungsstau
ist enorm, aber bis 2010/2011 werden alle Erfurter Kinder in eine
moderne Kindertageseinrichtung gehen.
Seit einem knappen Jahr hat nun auch Erfurt ein
Bündnis für Familien. Wo sehen Sie die Aktivitäten
des Bündnisses im Vergleich zu anderen lokalen
Familienbündnissen?
Es hat ein bisschen länger gedauert bei uns, aber seit der
Gründung im April 2007 arbeitet das lokale Bündnis "Stark
für Familie - Stark für Erfurt" sehr engagiert. Wir
sind gut und breit aufgestellt, sämtliche Fraktionen und der
Stadtrat machen mit, zahlreiche Vereine und Verbände und auch
die IHK ist ganz massiv daran beteiligt - was sehr gut ist, da
damit auch die Wirtschaft mit im Boot ist.
Ein Jahr ist seit der Bündnisgründung vergangen. Seitdem
haben sich drei Arbeitsgruppen innerhalb des Bündnisses
gebildet, die sehr engagiert arbeiten. Viele Ziele sind einfach
umzusetzen, für andere braucht es die Verwaltung. Unsere
Aufgabe ist es, zu prüfen, welche Vorhaben umsetzbar sind und
womit wir beginnen.
Ein Beispiel ist das Thema kostenfreies Schulessen. Für die
Stadt Erfurt ist eine Umsetzung allein nicht zu stemmen. Und doch
muss man mal gucken, und das ganze einmal durchrechnen, ob man im
Sinne bedürftiger Familien vielleicht eine Möglichkeit
hat, bei den Einkommensgrenzen anzusetzen.
Ein wichtiges Thema im Bündnis ist die
häufig genannte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie
schaffen Sie es selbst, den Beruf und die Zeit für Ihre
Familie unter einen Hut zu kriegen?
Ich bin ganz ehrlich. Ich glaube, ein moderner Vater zu sein. Ich
habe kein konservatives Weltbild, so nach dem Motto, die Mutter
muss das tun und der Vater macht das. Aber ohne die Hilfe von
Verwandten, in besonderem Maße die der Omas - wenn diese
nicht vorhanden wären und wenn meine Frau nicht gesagt
hätte: 'was Du jetzt weniger machen kannst, mache ich eben
mehr' - würde es nicht funktionieren. (nachdenklich)
…das ist auch eine Sache, die mir persönlich weh tut.
Ich sehe meine Kinder meist nur morgens ein, eineinhalb Stunden zu
Hause und abends komme ich häufig so spät, da liegt
selbst meine Frau oft schon im Bett. Mit dem Familienleben die
Woche über ist also nicht so viel los. Aber zum Glück
gibt es ja die Wochenenden, die versuche ich mir so oft wie
möglich frei zu halten.
Wenn aber doch einmal ein bisschen Zeit da
ist… - wie sieht so ein ganz normaler Tag bei den Bauseweins
aus?
Ach, wir machen alles Mögliche. So ist beispielsweise ein
Besuch im Freizeitbad bei uns so etwa alle sechs, acht Wochen
angesagt. Ich versuche immer, die freie Zeit ziemlich vollzupacken
und möglichst viel in den gemeinsamen Stunden zu erleben.
Verstehen Ihre Töchter denn schon, was der
Papa beruflich macht? Und gibt es vielleicht bei den beiden schon
erste Überlegungen, selbst einmal in die Politik zu
gehen?
(lacht) Die Große ist jetzt acht, die
Kleine wurde im Februar sechs Jahre alt. Die sollen mal selbst
entscheiden, was sie später arbeiten wollen. Ich glaube, sie
sind auch noch zu klein dafür, das alles zu bereifen. Und
sicher haben sie auch noch ganz andere Vorstellungen. Aber ich
würde sie ganz sicher nicht davon abbringen, in die Politik zu
gehen. Andererseits sehen sie aber auch, was daran hängt. - So
gesehen könnte es vielleicht dazu führen, dass sie gerade
nicht in die Politik gehen wollen.
Sie selbst haben ja unter anderem mit Ihrer
Ausbildung zum Elektroinstallateur und auch mit dem Studium der
Pädagogik und Erziehungswissenschaften nicht den geraden Weg
eingeschlagen, um in die Politik zu gehen…
Wenn die Wende nicht gekommen wäre, würde ich sicher
nicht hier sitzen. Politik war für mich vor 1990 nicht
interessant. Da war ich allerdings auch erst 16 Jahre alt. Ich
glaube, man kann einen Weg, wie ich ihn gegangen bin, auch nicht
planen. Ich meine, wer mit dem festen Vorsatz in die Politik geht:
'Ich möchte Landrat oder Oberbürgermeister werden', wird
scheitern. Natürlich wird keiner freiwillig eine Wahl
verlieren. Aber wenn die Mehrheit anders entscheidet, dann geht das
Leben auch weiter, dann kann man andere Dinge machen. Als junger
Mensch ohne eine abgeschlossenen Ausbildung oder ein
abgeschlossenes Studium in die Politik zu gehen, halte ich für
bedenklich. Ich bin jetzt nicht Verfechter dessen, dass man ein
abgeschlossenes Studium haben sollte, aber man sollte in seinem
Leben irgend etwas zu Ende gebracht haben - ein Gesellenbrief,
einen Facharbeiterbrief... Denn wenn man in die Politik geht,
trägt man Verantwortung für viele Menschen. Dann hat man
auch Vorbildwirkung und sollte zeigen können, dass man in der
Lage ist, Linie zu halten.
Wann war für Sie klar: Mein Ziel ist es,
Oberhaupt der Stadt Erfurt zu sein?
Zum Greifen nah war es am 21. Mai 2006 gegen acht Uhr! (lacht)
…irgendwann schreibe ich mal ein Buch darüber, das
glaubt wahrscheinlich keiner! Ich war bestimmt nicht dagegen und
ich habe ja auch im Wahlkampf alles dafür getan, dass es so
ausgeht - aber man muss auch ganz ehrlich sein: Ich war ein klarer
Außenseiter! Mir war das erste Mal am Abend des ersten
Wahlgangs am 5. Mai klar: Oh das reicht, dass könnte was
werden! Es lagen nur acht Prozent Differenz zwischen Dietrich
Hagemann und mir. Und zur Stichwahl hat es dann ja auch gereicht.
(überlegt) Ich mache das gern, was ich jetzt mache - aber es
ist nicht so ein Traumberuf, wie Kinder sagen würden: 'Ich
will Feuerwehrmann werden oder Polizist'. Es hätte genauso gut
auch anders ausgehen können. Das nimmt man sich nicht vor -
die Zukunft ist nicht so einfach planbar. Man sollte auch immer
versuchen, sich eine gewisse Distanz zum Amt zu bewahren. Und nicht
zu vergessen: Seit Mai 2006 ist die Zahl meiner Freunde sprunghaft
angestiegen…(schmunzelt)
Welche Wünsche wollen Sie für sich ganz
privat noch verwirklichen?
Ich spiele gern Fußball, aber es ist wirklich lang her, dass
ich es gespielt habe. Ich wünsche mir einfach ein
bißchen mehr Zeit für meine Familie und für den
Sport. Einfach einen Ausgleich zum stressigen Alltag zu haben. Mir
ist es wichtig, Spaß an dem zu haben, was ich tue. Wenn ich
keine Freude daran hätte, dann würde es nicht
funktionieren. Und ich will gern auch 2012 noch einmal zur Wahl
antreten. Nur wünsche ich mir irgendwann, wieder einmal wieder
die zu Zeit haben, die ich jetzt nicht habe, mal ein komplett
freies Wochenende… und das definitiv nicht erst in 30
Jahren…(lacht)





