Motormädchen
Knatternde Motorgeräusche, der Geruch von Benzin, das kleine Nebelwölkchen verursacht und ein irgendwo in dieser Trübung ertönendes, vergnügtes Kinderlachen empfangen uns in der Karthalle im Gewerbegebiet der Gemeinde Leubingen. Auf der von Reifenstapeln begrenzten, asphaltierten Fahrbahn lächelt uns Hans Alt freudig an, links und rechts von ihm stehen zwei quietschgelbe, kleine Go-Karts, hinter den Lenkrädern sitzen zwei "Marsmenschlein"…
Im
Halbdunkel mutet diese Szene etwas außerirdisch an. Doch als
wir den Karts näher kommen zeigt sich: Am Steuer sitzen keine
Geringeren als die beiden Sprösslinge von Hans Alt - Ilka,
gerade einmal zwei und Maike, fünf Jahre alt. Im
Verhältnis zu ihren zarten Körpern und den kleinen
Händchen, die das Steuer fest umfassen, wirken die Köpfe
der kleinen Pilotinnen in den silbrig glänzenden Helmen
ziemlich groß. Der 41-jährige legt an beiden Fahrzeugen
einen Schalter um, woraufhin das Knattern ein Ende hat. Doch auf
dieses Geräusch folgt unmittelbar ein immer lauter werdendes
Wimmern aus dem schluchzenden Mündchen von Ilka. Die Kleine
weint bitterlich. Warum? Ganz einfach: Sie kann nicht genug kriegen
von ihrem flotten Spielzeug.
Bei
Familie Alt, die zwei bis drei Tage pro Woche in der Kartbahn ihres
guten Freundes ist, ist die eigentliche Übersetzung des
englischen Begriffes "cart" fast wörtlich zu nehmen - der
(Kinder-)Wagen. Die quirligen Töchterchen dürfen
öfter in der Halle ihre Runden drehen. Kein Wunder also, dass
die Fahrzeuge zu ihren beliebtesten Spielzeugen gehören. Die
kleinen Autos gehören den motorsportbegeisterten Alts auch
selbst. »Wir haben sie extra von ganz weit her
geholt.«, erklärt Hans Alt stolz. Die
fünfjährige Maike fährt seit etwa eineinhalb Jahren,
ihre fast dreijährige Schwester fing im Frühjahr 2007 an
zu "betteln". »Seit Anfang Oktober dreht sie auch schon
richtige Runden, davor ist sie immer nur drei, vier Meter
gefahren«, erklärt uns die Mutti der rennbegeisterten
Mädchen, Frauke Alt.
Auch einige Minuten, nachdem Papa Hans sie aus ihrem gelbem Kart
gehoben hat und ihre Tränchen versiegt sind, hat die kleine
Ilka immer noch ihren Helm von der Fahrt auf. »Was ist mit
Deinem Helm? Willst du den nicht mal absetzen?«, fragt der
liebevolle Papa seine kleine Sportlerin, die als Antwort heftig mit
dem Köpfchen schüttelt: »Mit dem geht's heute ins
Bett« sagt seine Frau mit einem Lachen, stellvertretend
für das Kind auf seinem Arm. Ob sie nicht Angst haben, ihre
kleinen Knirpse ins Kart zu setzen, fragen wir neugierig?
»Bei der ersten Runde, klar hat man da Angst, aber die
Älteren, die hier auf der Bahn das erste Mal fahren, machen
einem manchmal viel mehr Angst. Bei den 20- bis 25-jährigen,
die keinen Führerschein besitzen und das erste Mal am Steuer
sitzen, dauert es manchmal viel länger als bei den Kindern,
bis sie's drauf haben.«, erklärt uns der Vater der
beiden Mädchen.
Normalerweise sollen Kinder überhaupt erst einmal
Fahrradfahren können, ehe sie sich einem Sport wie dem
Go-Kart-Fahren widmen. Wichtig sei beim Heranführen an den
Kartsport von Knirpsen in Ilkas Alter, dass sie sich an die
Motorgeräusche gewöhnen, die Angst vor der
Lautstärke verlieren. »Dann müssen sie lernen, was
Bremse und Gaspedal sind. Sie treten eigentlich immer erstmal
beides durch. Wenn sie dann mit dem Gas spielen können und
wissen, dass man steht, wenn man von beiden Pedalen mit dem
Füßchen runter geht, muss man keine Angst mehr
haben«, erzählt uns Hans Alt augenzwinkernd. »Das
mit dem Lenken kriegen sie dann von ganz allein mit. Da zahlt sich
die Bobby-Car-Erfahrung aus«, fügt seine Frau
schmunzelnd hinzu. Und ihre fünfjährige Maike grinst
freudig nach der Erklärung: »Was Papa sagt, wird
gemacht«. Worauf ihre Mutter fragt: »Ach, auf
einmal?«…
Doch die schelmische Kleine zeigt damit, dass sie um die Gefahren
des Kartsports bereits bestens informiert ist. Bis zum siebten
Lebensjahr beziehungsweise bis zu einer Größe von 1,45
Meter sollte nämlich keiner in einem motorisierten Kart
sitzen. Ein normales, großes Fahrzeug auf der Leubinger Bahn
hat neun PS, die kleinen für Ilka und Maike haben dreieinhalb.
Feuer gefangen hat die fünfjährige Maike, als sie
ungefähr im selben Alter war, in dem ihre kleine Schwester
jetzt ist. »Ich hatte sie damals auf dem Schoß und sie
hat erst einmal gelenkt.«, erzählt Mama Frauke.
»Während der Schwangerschaft mit Ilka hieß es
immer: »Kart mit Dreierbesetzung«, lacht die
34-Jährige.
Seit nunmehr elf Jahren gibt es die Kartbahn in der Gemeinde
Leubingen unweit der Stadt Sömmerda. Viele Jugendliche kommen
aus der Umgebung, um ihre Runden zu drehen und manches Mal auch, um
richtige Rennen zu fahren. Hans Alts Meinung dazu ist: »Hier
können sie sich austoben, das ist uns lieber, als wenn sie es
auf der
Straße tun.« Hans und Frauke
Alts quirlige Wonneproppen werden den Sport wohl ihre ganze
Kindheit nicht mehr aufgeben wollen. Ihre Große kann im Jahr
2009 mit den Kartslalom-Rennen beginnen. Bei den Wettkämpfen
treten dann zehn bis 12 Kinder gegeneinander an. In Deutschland
fahren etwa 150 bis 180 "Young Timer", von denen circa 100 an
den Bundesendläufen teilnehmen. Beim Kart-Slalom-Rennen treten
Jungen und Mädchen in einer gemeinsamen Klasse an,
»… aber trotzdem wird bei den Wettkämpfen das
beste Mädchen der jeweiligen Klasse ermittelt.« ,
fährt die stolze Mama von Ilka und Maike weiter fort. - Die
Worte kaum ausgesprochen, wirft Maike siegessicher ein: »Und
das heißt: …ich…«.
Die 34-jährige Sozialpädagogin und ihr Mann, der als
Berufsschullehrer in Eisenach tätig ist, sind selbst
begeisterte Rennfahrer und seit 2002 engagierte Mitglieder im
Verein MSC Kölleda. Besonders für die Kleineren etwas
anzubieten, liegt dem Ehepaar sehr am Herzen: »Das ist unsere
Zukunft!«, erklären sie uns. Mit ihrer
Vereinsmitgliedschaft verbunden ist ein enormer Freizeitaufwand.
Die Wettkämpfe beginnen im April und dauern bis zu den
Sommerferien. »Von Ostern bis zum Sommer sind wir immer
unterwegs. Deshalb muss die ganze Familie dahinter stehen.«
Jeden Samstag um 14:00 Uhr geht's zum Kart-Slalomtraining auf dem
Sportplatz hinter der Kegelbahn in Kölleda. Außerdem ist
Freitag und Samstag Kraft- und Konditionstraining: "Arm- und
Beinkraft sind beim Kart-Fahren und -Lenken wichtig. Wir trainieren
das im Verein zum Beispiel durch Fußball oder
Basketball.«, veranschaulicht Frauke Alt die Bedeutung des
Hobbys für die Familie.
Auch der große Bruder von Maike und ihrer Ilka ist vom
Motorsport seit seiner Kindheit begeistert. Durch seinen Sohn ist
Hans Alt auch erst auf den Motorsport aufmerksam geworden.
»Wir sind damals von Sömmerda nach Sondershausen gezogen
und durch seine Klassenkameraden und neuen Freunde ist mein Junge
dazu gekommen. Er hat bei Kali Sondershausen angefangen und dann
bin ich mal mitgefahren. Später wurde ich Mitglied im MC
Venedig Erfurt.«
Der MSC Kölleda hat derzeit 70 Mitglieder. Vorbildlich ist die
Zusammenarbeit der engagierten Vereinsmitglieder mit Schulen in der
Umgebung. An allen Schulen, von der ersten bis zur vierten Klasse,
bieten sie ein kostenloses Fahrertraining an, welches
unterstützt wird vom ADAC und der Straßenverkehrswacht.
Einen Tag lang fahren die Kinder
dann einen Parcours
ab und lernen die wichtigen Verkehrsschilder. Seit diesem Jahr ist
für die Jüngsten im Verein auch das Tretkartfahren
möglich, bei dem kein Motor im Spiel ist. Das sollen vor allem
die Kindergärten nutzen können, weil diese Karts bereits
von dreijährigen Steppkes gesteuert werden dürfen. Frauke
Alt klärt uns über die Vorzüge dieser
Früherziehung auf: »Nicht nur als Vereinsmitglied,
sondern auch als Mutter und Diplom-Sozialpädagogin weiß
ich natürlich, dass unser Sport sehr zur Verbesserung der
Koordination der Kleinsten beiträgt. Das merken auch immer
mehr die Erzieherinnen, die seit längerem auf solch ein
Angebot warten.«
Als wir gehen, spielen Maike und Ilka auf dem Siegertreppchen der
Kartbahn mit den Pokalen… Ob das wohl eine vielversprechende
Prophezeiung ist…? Wir wünschen Familie Alt jedenfalls
noch viele schöne, erfolgreiche Jahre und allzeit gute
Fahrt!
Die Kartbahn Leubingen hat Mittwoch bis
Sonntag geöffnet, an den Wochentagen jeweils ab 16:00 bis
22:00 Uhr, am Wochenende ab 15:00 Uhr bzw. sonntags ab 14:00
Uhr.
www.kartbahn-leubingen.de





