Auf die Einstellung zu Kindern kommt es an!
Anforderungen der Erwachsenenwelt können nicht der einzige Maßstab sein
Nahezu
täglich liest man in den letzten Monaten in der Presse, dass
es in Deutschland viel zu wenige Kinder gibt. Diese Entwicklung ist
nicht neu. Sie vollzieht sich seit vielen Jahren kontinuierlich.
Dass die Spielplätze oft leer bleiben, dass Kinderlärm in
den Hausfluren und in den Grünanlagen der Stadt zur Seltenheit
geworden ist, scheint lange Zeit niemanden gestört zu
haben.
Mit dramatischen Szenarien über die Zukunft Deutschlands, mit
Schuldzuweisungen an die, die keine Kinder bekommen möchten,
mit familienfreundlichen Politikerversprechen soll der
"demographischen Katastrophe" abgeholfen werden. Was ist es
aber wirklich, was den Deutschen fehlt? Ist es das Kinderlachen und
das Gefühl, Verantwortung zu tragen für das geliebte
Kind?
Ist es die wunderschöne Erfahrung, Kinder heranwachsen zu
sehen und daran teilzuhaben, wie sie sich die Welt
erschließen?
Die demographische Entwicklung scheint besonders deshalb in der
öffentlichen Diskussion so wichtig zu werden, weil
Finanzstrategen erkannt haben, dass die zukünftigen
Steuerzahler und Konsumenten fehlen.
Bedürfnisse des Nachwuchses werden negiert
Sollte an dieser Stelle Widerspruch aufkommen, frage man doch
einmal, welche Rolle die Bedürfnisse der Kinder im Alltag
spielen, die jetzt aufwachsen und welche Rolle die Bedürfnisse
der Eltern spielen, die jetzt Eltern sind? Werden nicht
täglich kindliche Entwicklungspotentiale nicht gefördert,
weil sie nicht erkannt oder sogar unterdrückt werden?
Fühlen Eltern sich in ihrem Bemühen um gute Förder-
und Entwicklungsmöglichkeiten für ihr Kind wirklich immer
gut aufgehoben und unterstützt?
Da sind z. B. Jonas und Tabea. Vier und sieben Jahre alt sind sie
und gehen in den Kindergarten bzw. in die Grundschule. Wenn man
Jonas in seine großen Augen sieht, hat man das Gefühl,
man erblickt die pure Energie. Wie glücklich war Jonas'
Mutter, als der kleine Bursche bereits mit 18 Monaten in
Sätzen sprach und Gedichte aufsagte. Wie stolz nahm sie die
fachmännische Feststellung zur Kenntnis, dass sie ein
besonders kluges Kind habe. Alle Meilensteine kindlicher
Entwicklung erreichte ihr Sohn sehr zeitig und mit spielerischer
Leichtigkeit.
Unruhe im neuen Umfeld wirkt sich auf Jonas aus
"Mein Kind soll viel Anregung haben" sagte sie sich und
brachte ihn mit 18 Monaten in die Kindertagesstätte.
Inzwischen sind mehr als zwei Jahre vergangen, in denen Jonas
täglich 8 bis 9 Stunden in seinem Kindergarten war. Die Mutter
konnte wieder ihrer Arbeit nachgehen und hat darauf vertraut, dass
ihr kluges Kind sich weiter so gut entwickelt. Sie hatte bemerkt,
dass es im Kindergarten personelle Wechsel und viel Unruhe unter
den Erzieherinnen gab. Aber sie hatte nicht bemerkt, dass die
Kinder, also auch Jonas, durch Gruppenzusammenlegungen oder
Teilungen die Lieblingstante oder den ersten "besten" Freund
aufgeben mussten. "Jonas hat nie etwas erzählt." sagt
sie.
Seit einigen Monaten kommen aus dem Kindergarten häufig
Klagen. Jonas sei nicht gut zu fördern. Er habe keine Freunde,
er weigere sich, an der gemeinsamen Gruppenarbeit teilzunehmen,
reagiere nicht auf Kritik und verlasse unerlaubt den Gruppenraum.
Seine Neugier und sein ungebremster "Forscherdrang" werden als
störend empfunden.
Die Kindergärtnerin hatte erwartet, dass der
intelligente Junge sich unterordnen und mehr Rücksicht nehmen
kann. Die Mutter ist ratlos. Sie hatte erwartet, dass sich die
überaus positive Entwicklung des Kindes auch ohne ihr Zutun
fortsetzt. Nun steht sie vor einer schweren Entscheidung. Ihre
Arbeit kann und möchte sie nicht aufgeben. Der Arbeitgeber
erwartet den vollen Einsatz. Sie habe sich bei der Einstellung
regelrecht dafür entschuldigen müssen, dass sie ein
kleines Kind hatte. deshalb traut sie sich nicht zu fragen, ob eine
Flexibilisierung ihrer Arbeitszeit möglich sein wird, um
besonders im Vorschuljahr mehr Zeit für Jonas zu haben.
Die Alternative ist, dass sie in der 20 km entfernten Stadt einen
Kindergarten sucht, in dem Jonas mit seinen Bedürfnissen
willkommen ist. Dann wäre sie aber durch die tägliche
Fahrerei noch länger von ihrem kleinen Sohn getrennt. "Und wie
soll man diesen Kindergarten finden" - fragt die Mutter, "
wenn man gar nicht genau sagen kann, welche Bedürfnisse es
sind, die das Kind hat?"
Die gemeinsame Arbeit mit Jonas am Institut für
pädagogische Diagnostik in Erfurt hilft seiner Mutter, zu
verstehen, dass die Intelligenz eines Kindes eine gute Grundlage,
aber keine Garantie für eine gute Lernentwicklung ist. Ohne
die geeignete Anregung und Stärkung der Interessen des Kindes
geht diese Option sogar verloren. Außerdem wird die Mutter in
ihrem Bemühen gestärkt, sich an der
bedürfnisgerechten Anregung ihres Sohnes aktiv zu
beteiligen.
Und da ist die quirlige Tabea. Sie hatte viele Talente und konnte
bereits gut lesen als sie im vorigen Jahr mit 5 Ω Jahren zur
Schule kam. Ihre Eltern waren der Meinung, sie sei durchaus
"schulfähig" und waren in ihrer Meinung bestätigt
worden, weil es Tabea gelang, die üblichen Anforderungen an
Schulanfänger mit Bravour zu meistern. Es gelang ihr aber
nicht, in einem gleichschrittigen Unterricht mehrere Stunden ruhig
zu sitzen, nicht immer zu sagen, was sie alles weiß und das
zu tun, was ihre Lehrerin sagte. Ihre Lehrerin aber auch die Eltern
zeigten sich enttäuscht. Sie hatten erwartet, dass Tabea als
Schulkind ruhiger wird und so brav, wie die große Schwester
und die Mutter, die auch schon bei der Lehrerin gelernt hatten.
Inzwischen hat Tabea ein Problem. Sie strengt sich so an, ruhig zu
sitzen, dass sie dafür einen großen Teil ihrer Energie
verbraucht. Oft fragt sie: "Mama, bin ich lieb?" Ihre Talente
hat sie scheinbar verloren. Ihre Lebhaftigkeit ist zur Unruhe
geworden.
Gute Anlagen bedürfen der Unterstützung
Auch im Fall der kleinen Tabea ist am Institut für
pädagogische Diagnostik die Arbeit mit den Erwachsenen
besonders wichtig. Sie sind es, die für Tabea die Lern- und
Lebensbedingungen prägen. Sie entscheiden, ob Tabea sich den
Erwartungen anpassen muss oder ob man ihre Bedürfnisse erkennt
und ihnen gern begegnet. Tabeas Eltern werden verstehen, dass die
Lernbedingungen für ein junges Schulkind ganz besonders
wichtig sind. Die Schule kann und soll es einem lebhaften Kind
durch die Lernorganisation erleichtern, sich den schulischen
Lernbedingungen ohne Zwang anzupassen.
Jonas und Tabea stehen für viele Kinder. Bei beiden Kindern
fällt auf, dass sie mit Erwartungen oder mit der Klage
über die bei ihnen festgestellten Defizite bedacht wurden. Was
ihnen fehlte, war die rechtzeitige Aufmerksamkeit für ihre
Bedürfnisse.
Kostenfaktor verdrängt die Bedürfnisse
Leider ist es üblich, dass bei den Entscheidungen der
Politiker und Behörden über gute Elternbildung, über
die Aus- und Fortbildung von Kindergärtnerinnen und
Lehrer/innen, über die Ausstattung von Schulen mit Lehr- und
Lernmaterialien und bei den Ausbildungszeiten die Kinder statt mit
ihren Bedürfnissen nur noch als Kostenfaktor auftauchen. Oft
wird erst dann hilflos nach den kindlichen Bedürfnissen
gefragt, wenn es bereits ein Problem gibt. Es ist wohl
unwahrscheinlich, dass man durch öffentliches Klagen zu mehr
Kindern kommt, aber vielleicht durch das gute Beispiel im Umgang
mit jenen, die jetzt Kinder sind und ihren Eltern.
Das beste Familienprogramm wäre deshalb m. E. das Stärken
einer bedürfnisbezogenen Einstellung zu Kindern im
öffentlichen und privaten Leben und das Unterstützen all
der Initiativen in Schulen, Kindergärten, in der Wirtschaft
und der Politik, die dazu beitragen, dass es wieder gelernt wird,
auf kindliche Bedürfnisse zu achten. In diesen Kontext ordnet
sich die Begleitung von Jonas und Tabea sowie Ihren Eltern ein.
Eins ist jedenfalls sicher:
Kinder zu haben und sie optimal zu fördern, ist weder für
Eltern noch für einen Staat etwas, was sich täglich
rechnet. Aber eine positive Einstellung zu Kindern und ihren
Bedürfnissen zahlt sich für alle aus. Jonas und Tabea
haben alle Voraussetzungen, ihren Eltern Erzieherinnen und
Lehrerinnen Freude zu bereiten. Es kommt jetzt darauf an, es ihnen
leicht zu machen.
IpD Dr. Wiese | Tel. 0361/6545565 | Löberwallgraben 5/6 | 99096 Erfurt





