"Hauen ist doof"
Heike Bödefeld auf den Spuren von Gewaltprävention in
Kindergärten und Grundschulen…
»Die Kinder schlagen sich gerade dann herum, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken, genauso wie wir.« (F. M. Dostojewskij)
Der Umgang mit Gefühlen, seien es die eigenen oder die von
anderen Menschen, ist gerade für Kinder nicht immer leicht.
Die Bedeutung von Worten wie "traurig",
"wütend", "fröhlich" oder
"ängstlich" ist ihnen oftmals noch fremd. Nicht
selten werden sie von heftigen Gefühlsausbrüchen
heimgesucht, ohne zu verstehen, was da mit ihnen passiert. Und so
kommt es, dass bereits im Kindergarten munter geschubst, gehauen,
getreten und gebissen wird. Den Lehrern in der Schule hängt
dann meist der Lehrplan im Nacken, es fehlt wie vielerorts einfach
an der notwendigen Zeit zum Zuhören und Schlichten.
Seit
mittlerweile neun Jahren gibt es in Jena deshalb einen Verein, der
sich genau dieser Problematik annimmt. "Hauen ist doof" nennt
er sich (in Anlehnung an das gleichnamige Buch von Charles A.
Smith) und praktiziert Gewaltprävention im Kindergarten- und
Grundschulbereich. Sein Anliegen ist die Förderung eines
friedlichen Umgangs von Kindern und Jugendlichen miteinander sowie
die Vermittlung von sozialen Kompetenzen, wie zum Beispiel
Mitgefühl, Toleranz, Rücksichtnahme und Akzeptanz anderen
gegenüber. Das Lernen vollzieht sich dabei spielerisch und
erfahrungsorientiert. Wie aber gestaltet sich das in der
Praxis?
Um mir
einen Einblick zu verschaffen, begleite ich die
Sozialpädagogin Conny Beeker, Mitinitiatorin von "Hauen ist
doof" sowie ihre Mitarbeiterin Sylvana Bronsert während
eines dreitägigen Schulprojektes. Es klingelt zur ersten
Stunde und alle 20 Drittklässler der Altstadtschule Kahla,
samt ihrer Klassenlehrerin sowie zwei Kolleginnen, richten gespannt
ihre Blicke auf uns. Zunächst entbrennt ein heftiger Streit
der Handpuppen Artur und Hexana. Der Affe und die Hexe debattieren
darüber, wer die Kinder denn nun zuerst begrüßen
darf und einigen sich dann darauf, es gemeinsam zu tun. Eine
schöne Lösung, die bei allen Zuschauern gut ankommt.
Vielleicht vor allem deshalb, weil sich die realen
Auseinandersetzungen der Kinder am Ende meist weniger positiv
gestalteten. »Bei uns könnt Ihr lernen, Euch zu
streiten, ohne Euch weh zu tun«, verkündet Conny Beeker
in die Runde des Stuhlkreises. Es ist erstaunlich, wie interessiert
die Grundschüler dem Thema gegenüberstehen. Sie sprechen
offen über ihre Gefühle und Ängste und sind dankbar
von Erwachsenen einmal Verständnis und mehr als bloße
Schuldzuweisungen zu erfahren, wenn es um ihre Probleme geht.
Eifersucht, Ungerechtigkeiten und Hänseleien belasten das
Klassenklima der Kahlaer Grundschüler momentan am meisten.
Conny ist dafür, »...nach vorn zu schauen« und
»...was war, ist jetzt vorbei!« Ihr Vorschlag lautet:
Gemeinsam Regeln aufzustellen, an die sich alle halten wollen,
besiegelt mit der eigenen Unterschrift. Zusammen mit Silvana
breitet sie ein großes grünes Tuch auf dem Boden aus,
den Friedenstisch. Die Kinder erhalten den Auftrag, ihn kreativ zu
gestalten und nehmen ihn schnell als ein Instrument zur
Klärung ihrer Sorgen an. Der Bedarf an Gesprächen erweist
sich im Verlaufe des Projektes als sehr hoch. Am Friedenstisch, wie
auch bei allen Spielen, gilt als oberstes Gebot die freiwillige
Teilnahme. Die Kinder werden dazu angehalten, sich gegenseitig
ausreden zu lassen, jeder soll zu Wort kommen dürfen. Das
stärkt nicht nur das Vertrauen der Kinder in sich selbst,
sondern erhöht zudem ihre Fähigkeiten, Konflikte
friedlich zu lösen. Und das ist es ja, worauf es ankommt.
Die Einschätzung der Projektstunden durch die Kinder
fällt dann am Schluss auch vorwiegend positiv aus.
Klassenlehrerin Marion Jecke war vor allem von der Methodenvielfalt
angetan. »Ich habe meine Kinder mal ganz anders kennen
gelernt und denke, dass sie jetzt vielleicht ein bisschen
rücksichtsvoller miteinander umgehen."
Thomas-Mann-Strasse 25
Tel. 03641 470076
www.hauen-ist-doof.de




