Sind spezielle Lebensmittel für Kinder sinnvoll?
Es besteht keine ernährungsphysiologische
Notwendigkeit, Kindern nach dem 1. Lebensjahr spezielle
Lebensmittel zu geben. Kinder können und sollen ab diesem
Alter am normalen Familienessen teilnehmen.
In der
Werbung werden "Kinderlebensmittel" vielfach als
"gesunde Zwischenmahlzeit" herausgestellt, obwohl sie
sich in Bezug auf die Zutaten und den Nährstoffgehalt meist
wesentlich von empfehlenswerten Zwischenmahlzeiten für Kinder
unterscheiden. Sie enthalten häufig mehr Zucker und/oder Fett,
sind beliebig angereichert mit einer Reihe von Vitaminen, z. T.
auch mit Mineralstoffen. Außerdem sind
"Kinderlebensmittel" vielfach teurer als vergleichbare
Produkte. Seit einiger Zeit werden zunehmend Produkte angeboten,
die im Marketing als speziell für Kinder geeignet
herausgestellt werden. Die große Zahl der Produkte, ein
ständig wechselndes Sortiment sowie gezielte
Marketingmaßnahmen verunsichern viele Eltern. Zudem fehlt
bislang eine lebensmittelrechtliche Definition von
"Kinderlebensmitteln".
Sind diese Lebensmittel, die in der Werbung als
besonders geeignet für Kinder angepriesen werden, wirklich so
wertvoll?
Aus praktischer Sicht erscheint es sinnvoll, zwischen
"Kleinkinderlebensmitteln" (empfohlen für Kinder von
1-3 Jahren) und "Kinderlebensmitteln" (über einem
Lebensalter von 3 Jahren liegende oder fehlende Altersempfehlung
des Herstellers) zu unterscheiden. Die sich auf dem Markt
befindenden "Kleinkinderlebensmittel" sind mehr an die
Bedürfnisse von Säuglingen angepasst, die durchaus
spezielle Ernährungserfordernisse haben, als dass sie sich an
den Bedürfnissen von Kleinkindern orientieren. Lebensmittel
für Säuglinge und Kleinkinder unterliegen in Deutschland
der Diätverordnung, die u. a. strenge Mindestwerte für
Rückstände und Schadstoffe festlegt. Für
"Kinderlebensmittel" gilt dieses nicht.
"Kinderlebensmittel" unterscheiden sich in Bezug auf die
Zutaten und den Nährstoffgehalt grundsätzlich nicht von
vergleichbaren herkömmlichen Lebensmitteln. Bei einigen
Schokoriegeln und Bonbons werben die Hersteller häufig mit
einem hohen Milchanteil. Meistens enthalten solche Produkte jedoch
keinen Tropfen Vollmilch, sondern sind lediglich mit
Magermilchpulver, Süßmolkenpulver, Butterreinfett oder
gezuckerter Kondensmilch angereichert. Der Anteil an Zusatzstoffen
(z. B. Aroma- und Farbstoffen) ist oft höher als in
vergleichbaren normalen Lebensmitteln. Ein Großteil der
"Kinderlebensmittel" ist außerdem mit Vitaminen und
Mineralstoffen angereichert. Die Anreicherungspraxis ist heterogen
und hinter ihr ist kein ernährungsphysiologisches Konzept
erkennbar. Mit den derzeit angebotenen
"Kinderlebensmitteln" sprechen die Hersteller typische
Essens- und Geschmacksvorlieben von Kindern an.
Das Angebot umfasst u. a. folgende Produktgruppen:
• Milchprodukte: Fruchtjoghurt, Milchmischgetränke,
Frischkäse- und Quarkzubereitungen
• Brotbelag: Nuss-Nougat-Cremes, Schokoladencremes, Wurst
• Süßigkeiten: Milchschnitte, Müsl-, Nuss-,
Schokoriegel, Schokolade, Vitaminbonbons
• Frühstückscerealien: z. B. Smacks, Pops,
Knusperflocken verschiedener Art
• Gebäck: Kekse, Zwieback
• Getränke: calciumangereicherte Säfte,
Multivitaminsäfte, Limonaden
• Fertiggerichte: Nudelsuppen, Nudelgerichte, Pizza
"Kinderlebensmittel" bieten keinerlei
Vorteile gegenüber herkömmlichen Lebensmitteln.
Sie sind gekennzeichnet durch kleinere Portionen und
überhöhte Preise. Oft enthalten
"Kinderlebensmittel" Beigaben wie Plastikspielzeug,
Aufkleber, Sammelbilder usw., die zum Kauf anregen sollen. Diese
Beigaben und die aufwendigen Verpackungen verursachen unnötige
Kosten und belasten die Umwelt.
Viele
"Kinderlebensmittel" werden in der Werbung als gesunde
Zwischenmahlzeiten für Kinder herausgestellt. Im Vergleich zu
den Zwischenmahlzeiten der "Optimierten Mischkost" des
Forschungsinstitutes für Kinderernährung Dortmund haben
sie meist einen zu hohen Fett- und Zuckeranteil. Die empfohlene
Verteilung von Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten wird nicht
erreicht. Insbesondere sind die speziellen Marketingmaßnahmen
der Hersteller hervorzuheben, die hauptsächlich darauf
abzielen, bei den Kindern ein Markenbewusstsein zu wecken und die
Eltern durch Hervorheben vermeintlicher gesundheitlicher Vorteile
der Produkte zu deren Kauf zu veranlassen.
Gegenüber den Marketingstrategien der Hersteller hat auch die
Ernährungsberatung einen schweren Stand. Um in der Beratung
kompetent Auskunft geben zu können, muss die
Ernährungsberaterin über das aktuelle Angebot von
"Kinderlebensmitteln" Bescheid wissen. In der
Ernährungsberatung kommt es darauf an, gesunde Alternativen
aufzuzeigen und die Wünsche der Eltern (nach
ernährungsphysiologisch hochwertigen Produkten) und die
Wünsche der Kinder (nach geschmacklich ausgezeichneten und
optisch attraktiven Produkten) miteinander zu vereinen.
Bewertung: "Kinderlebensmittel"
bieten gegenüber normalen Lebensmitteln keine
ernährungsphysiologischen Vorteile. Sie enthalten häufig
viel Zucker und Fett und können somit zur Entstehung von
Übergewicht beitragen, wenn die Bewegung nicht ausreichend
ist. Bei Kindern, die regelmäßig
nährstoffangereicherte "Kinderlebensmittel" essen,
kann die Vitaminzufuhr über den Empfehlungen für die
Nährstoffzufuhr der DGE liegen. Generell ist bei einem
regelmäßigen Verzehr von "Kinderlebensmitteln"
eine gut durchdachte Auswahl der anderen Lebensmittel erforderlich,
um ein dem Alter entsprechendes Essverhalten und eine
bedarfsgerechte Energie- und Nährstoffzufuhr zu
gewährleisten. "Kinderlebensmittel" sind häufig
aufwendig verpackt und tragen zu unnötigen Belastungen der
Umwelt bei. Mehrwegverpackungen werden nicht angeboten.
Schon früh werden die Kinder an einen Ex-und-hopp-Konsum
herangeführt, anstatt zu einem verantwortungsbewussten
Umweltverhalten erzogen zu werden. Kinderlebensmittel sind oftmals
teurer als vergleichbare Normalprodukte.
Fazit: Ab dem 1. Lebensjahr können und
sollen Kinder am normalen Familienessen teilnehmen.
Zwischenmahlzeiten aus Obst, Rohkost, Milch, Joghurt und Brot sind
für Kinder die weitaus gesünderen und
nährstoffoptimalen Alternativen. Auf
"Kinderlebensmittel" kann verzichtet werden.
Quellen: dge-info: Beratungspraxis 04/2000
unter Verwendung von
1. Kersting M, Chahda C, Schöch G: Sind
"Kinderlebensmittel" sinnvoll? Kinderärztl Prax 69
(1998) 198-203
2. Tenberge-Weber U: Süß, bunt und
überflüssig. UGB-Forum 15 (1998) 99-102





