Hodenhochstand
Rund 1-2 % aller termingerecht geborenen Jungen sind vom Hodenhochstand betroffen, bei Frühgeborenen bis zu 6 %! Immerhin ist bei 1-2 % aller Jungen ein Hodenhochstand behandlungsbedürftig. Unser Experte für dieses ganz sensible Thema, Chefarzt Dr. Josef Schweiger, gibt uns Antwort auf die wichtigsten Fragen zu einem Thema, das viele Eltern bewegt.
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Ein freundlichen Hallo an
Alle,
nach der Geburt hat man bei meinem Sohn
festgestellt, dass die Hoden nicht in den Hodensack gerutscht sind.
Da sie sich im Leistenkanal befinden, ist der Kinderarzt guter
Dinge, dass sie noch runterwandern. Wenn sie bis zum ersten
Lebensjahr immer noch nicht runter gegangen sind, wird eine
Hormontherapie gemacht, vielleicht auch operiert. Es besteht die
Gefahr der Unfruchtbarkeit oder des Hodenkrebs. Mein Sohn ist
mittlerweile 6 Monate alt. Es ist vielleicht noch ein bisschen zu
früh sich Sorgen zu machen, doch welche Mutter würde das
nicht tun? Wir gehen zum Pekip-Kurs und dort haben alle Jungen
schon (wie soll ich sagen?) "gefüllte Säckchen". Bei
meinem Sohn sieht man sofort, da ist gar nichts. So langsam mach
ich mir wirklich Sorgen. Hat jemand einen Rat oder Erfahrungen mit
Hodenhochstand gemacht? Bitte meldet Euch!!!"
Eine ausnahmsweise weniger glückliche
Happyanja
"Hallo Happyanja,
bei meinem Sohn war es genauso. Nun ist er gestern
(13 Monate) ambulant operiert worden. Ich bin froh, dass wir diesen
Weg gewählt und die OP so früh haben machen lassen. Mein
Sohn weiß heute schon nichts mehr davon. Er hat alles super
gut überstanden und ist völlig der Alte. Stellt Euren
Sohn doch mal im Kinder-krankenhaus bzw. bei einem Kinderurologen
vor. Ich wünsche Euch und vor allem Eurem Sohn alles
Gute."
Kudlick
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Seitenweise ist sind Foren im Internet gefüllt mit den
Worten besorgter Eltern. Sie sind voller Ängste, Anregungen
und Erfahrungen, manche sprechen sogar Mut zu. Der Austausch mit
Anderen ist wichtig - doch in medizinischen Fragen ersetzen diese
Gespräche selten den Experten. Gerade bei einem so sensiblen
Thema wie dem Hodenhochstand sollte Ihr Kinderarzt oder Urologe
für die nötige Aufklärung sorgen und Ihnen
Behandlungswege nennen, wie auch die Internet-Userin "Kudlick"
in ihrer Antwort rät.
Dr. Josef Schweiger, Chirurg und Chefarzt der Urologischen Station
des Katholischen Krankenhauses "St. Johann Nepomuk" Erfurt
behandelt viele Fälle von Hodenhochstand pro Jahr. Als Experte
auf diesem Gebiet, weiß er genauestens um die bestehenden
Risiken, behandelt selbst zum Wohle des Kindes und plädiert
für die effektive Behandlung - ohne unnötige Strapazen
für Ihr Kind.
Herr Dr. Schweiger, was genau ist eigentlich
Hodenhochstand?
Hodenhochstand heißt, dass sich ein oder beide Hoden nicht im Hodensack, sondern weiter oben im Körper befinden. Im Mutterleib befindet sich der Hoden noch unter den Nieren des Embryos, wandert dann aber allmählich nach unten. Bei einem bis zwei Prozent der reifen Neugeborenen ist der Hoden noch nicht im Hodensäckchen, bei Frühgeborenen trifft das auf fünf bis sechs Prozent zu. Hodenhochstand ist mit keinerlei Beschwerden oder Schmerzen verbunden.
Welche Ursachen gibt es dafür?
Da gibt es lediglich Theorien. Erwiesen ist bisher nur, dass eine erbliche Vorbelastung keine Rolle spielt. Wahrscheinlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Hodenhochstand und den veränderten Hormonen der Mutter.
Gibt es beim Hodenhochstand verschiedene Formen?
Man muss unterscheiden zwischen nicht therapiebedürftigen
Formen und den Formen, die wirklich behandelt werden müssen.
Der so genannte Pendelhoden ist völlig ungefährlich. Der
Hoden "pendelt" lediglich zwischen zwei Bereichen: der
Leiste und dem Hodensack. Dieses Pendeln ist ein muskulärer
Reflex, der den Hoden bei Reizung nach oben zieht. Hier ist keine
aktive Behandlung notwendig. Man sollte den Pendelhoden dennoch
regelmäßig kontrollieren lassen, da er in seltenen
Fällen in eine ernste Form umschlagen kann.
Die behandlungsbedürftigen Formen werden nach Schweregrad in
Gleithoden, Leistenhoden und Bauchhoden unterschieden. Der
Gleithoden stellt die harmloseste Form dar. Aufgrund eines zu
kurzen Samenstrangs befindet sich der Hoden in der Leiste, kann
aber wie ein Gummiband nach unten gezogen werden. Bei den
Leistenhoden und Bauchhoden befindet sich der Hoden in der Leisten-
bzw. Bauchgegend und kann nicht nach unten bewegt werden. Bei allen
drei Formen ist eine Behandlung notwendig.
Wie stellt der Arzt die Diagnose beim Kind?
Der Hodenhochstand wird ertastet, wobei eine entspannte
Atmosphäre sehr wichtig ist. Wenn es sich um einen Pendelhoden
handelt, könnte sich dieser bei einer Reizung durch Stress
oder auch nur kalte Hände in die Leiste zurückziehen. Die
Diagnose könnte so verfälscht werden. Ist der Hoden
ertastet, lässt der Arzt seine Diagnose durch eine
Ultraschall-Untersuchung bestätigen. Bei nicht-tastbaren
Hoden, vor allem dem Bauchhoden, kann man durch eine
Bauchspiegelung feststellen, ob es sich um Hochstand handelt oder
ob kein Hoden vorhanden ist.
Meiner Meinung nach reichen diese drei Untersuchungsmethoden
für eine Diagnose völlig aus. Andere Bildgebende
Verfahren sind bei Kleinkindern ungeeignet und eine unnötige
Belastung.
Manchmal wird Eltern empfohlen, Zuhause ein
"Hodenprotokoll" zu machen. Hoden daheim beobachten zu
lassen, halte ich jedoch nicht für sinnvoll, da die Eltern
psychisch vorbelastet sind.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Der Pendelhoden muss gar nicht behandelt werden. Die drei
anderen Formen kann man nach der Diagnose mit einer Hormontherapie
und einem operativen Eingriff behandeln. Dabei hängt die
Behandlung von der Form des Hodenhochstands ab. Die Hormontherapie
in Form von Spritzen oder Nasenspray dauert etwa fünf Wochen.
Je ausgeprägter der Hochstand, desto weniger erfolgreich ist
die Therapie. Besonders geeignet ist diese Behandlung wenn man
unsicher ist, ob es sich bei dem Kind um Pendel- oder Gleithoden
handelt.
Der operative Eingriff unter Narkose kann ambulant
durchgeführt werden. Hierbei erfolgt ein Leistenschnitt.
Danach wird der Samenstrang aus Verwachsungen gelöst und ins
Hodensäckchen verlegt. Nach einer kurzen Ruhepause erholen
sich die Kinder erstaunlich schnell. Häufig geht ein
Hodenhochstand mit einem angeborenen Leistenbruch einher, der
ohnehin operiert werden muss. Beides kann in einem gemeinsamen
Eingriff behoben werden. Neuere Untersuchungen zeigen, dass eine
Kombination beider Methoden günstig ist: vor dem ersten
Geburtstag eine Hormonbehandlung und zu Anfang des zweiten
Lebensjahres der operative Eingriff. Wird die Hormontherapie vor
dem Eingriff durchgeführt, kann sie die Fruchtbarkeit
verbessern, da die Keimzellen so besser ausreifen können.
Zu welchem Zeitpunkt sollte mit der Therapie
begonnen werden?
Bis zum Ende des ersten Lebensjahres wird noch nicht behandelt. Bei
den betroffenen Jungen wird lediglich die Lage der Hoden
regelmäßig vom Kinderarzt kontrolliert. Wenn der/die
Hoden bis zum ersten Geburtstag noch nicht ins Hodensäckchen
gewandert sind, sollte man mit der Therapie beginnen. Ist das
Problem erkannt, sollte es meines Erachtens in einem Schritt
gelöst werden, um dem Kind einen wiederholten
Krankenhausaufenthalt zu ersparen. Das heißt, im Zuge der
Bauchspiegelung unter Narkose kann auch direkt der Eingriff
erfolgen.
Beim Hodenhochstand gibt es keine Beschwerden. Warum sollte er behandelt werden?
Das Ganze ist eine Temperaturfrage: Die Körpertemperatur ist für die männlichen Keimzellen zu warm, weshalb die Fruchtbarkeit eingeschränkt wird. Außerdem besteht eine erhöhte Krebsgefahr - bei Bauchhoden ist das Risiko einer Entartung vierzigfach erhöht. Im Hodensack sind die Hoden zumindest besser untersuchbar. Und nicht zuletzt spielen psychische Gründe eine Rolle, denn die Jungen müssten sich ständig rechtfertigen und würden sich später womöglich nicht als vollwertige Männer fühlen.
Was geben Sie betroffenen Eltern abschließend mit auf den Weg?
Eltern sollten kompetenten Rat aufsuchen und sich nicht
verrückt machen lassen. Doch auch wenn Hodenhochstand kein
Grund zur Panik ist, sollte mit der Behandlung möglichst
früh begonnen werden. Ein "Das verwächst sich"
gibt es hier nicht. Und der Mutter-Instinkt, der dem Kind diesen
Eingriff gern ersparen würde, ist hier fehl am Platze.
Herr Dr. Schweiger, die "KIDS und Co" Redaktion bedankt sich
herzlich bei Ihnen für Ihren Expertenrat und ein sehr
umfassendes und tiefgründiges Gespräch.





