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Dr. Wiese im Gespräch mit 60plusminus

Dr. Rüdiger Wiese gilt als anerkannter Kunsthistoriker, Kurator, Projekt- und Kulturmanager. Sein Spezialgebiet ist die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Als gefragter Experte betreute er Kunstprojekte im öffentlichen Raum, Symposien, arbeitet als Kurator, Ausstellungsmacher, Katalogautor, Rezensent, Kunstkritiker und als Kunstgutachter. Exklusiv stellt er in 60plusminus in der Rubrik „Kunstgenuss" regelmäßig Künstler, Ausstellungen und Kunstprojekte vor. Heute aber wollen wir unserem Experten einmal ein paar persönliche Worte und private Eindrücke rund um die Kunst entlocken...

Herr Dr. Wiese, wenn man an Kunst denkt, kommen einem oftmals als Erstes die zahlreichen Galerien in den Sinn. Allein Thüringen hat eine vielfältige Galeristenszene zu bieten...

...diese ist auch durchaus nicht über einen Kamm zu scheren. Sie ist professionell, bunt und vielschichtig. Genres, Künstler und Themen zeigen die Unterschiede, bestimmen die Profile. Da sind die einen mit ganz klarer Ausrichtung auf zeitgenössische Moderne, die immer mit Aktuellstem handeln – das schwerste Geschäft. Und dann diejenigen, die mit scheinbar „gesicherten Kunstwerten" handeln, z.B. mit „Klassischer Moderne" also Arbeiten aus dem frühen 20.Jahrhundert oder aus noch weiter zurückliegenden Epochen, von Künstlern, die man auch in Museen finden kann. Ob in Erfurt, Rudolstadt, Sonneberg, Schmalkalden, Weimar, Apolda, Saalfeld, Gotha. Es gibt für unterschiedlichste Vorlieben mittlerweile in Thüringen eine lebendige Galeristenszene, ergänzt durch seriöse Antiquariate und Auktionshäuser.

Wo überall begegnet man Kunst?

Kunst findet nicht nur in Museen und Galerien statt. Am ehesten begegnet sie uns im Alltag „quasi bei freiem Eintritt" auf Straßen und Plätzen, in Parks, an und in Gebäuden. Und man findet ebenso frei zugängliche Kunst-Ausstellungen in Einkaufszentren, Rathäusern, Kirchen, Banken und Firmen. Kunst begegnet uns überall mit unterschiedlichen qualitativen Ansprüchen und Ausrichtungen. Nicht zu vergessen die vielen Museen. In Thüringen profilieren sie sich auch außerhalb der Zentren Jena, Weimar und Erfurt z.B. in Gotha, Eisenach, Mühlhausen, Bad Langensalza, Heiligenstadt, Rudolstadt, Greiz, Gera, Meiningen, Schmalkalden, Sonneberg mit Dauerausstellungen aus ihren Sammlungen und oft zusätzlich mit wechselnden Kunstausstellungen.

„Ich möchte gern Lust auf Kunst machen, den Blick schärfen für Qualitäten der Kunst."

Was ist für Sie das reizvolle, was Kunst für Sie selbst zur Faszination werden lässt?

Mich hat bei Kunst neben Originalität, Unverwechselbarkeit und handwerklicher Perfektion schon immer die Schnittstelle zwischen freier bzw. bildender Kunst, Kunsthandwerk und Design interessiert. Beispielsweise Keramiken – allein vom Werkstoff her vermitteln sie den Eindruck, dass es sich dabei um Kunsthandwerk handelt. Ebenso ist das bei Glas, Papier, Porzellan oder Metall. Man denkt hierbei zuerst an Dinge, die zweckdienliche Funktionen erfüllen und eigentlich keinen eigenständigen Kunstwert haben. Wie kommt es also dazu, dass z.B. ein Gefäß wie Skulptur oder Schmuck wie ein Objekt wirkt? Dieser Übergang hat mich immer als besondere künstlerische Qualität interessiert.

Da gab es z.B. in Halle mit Gertraud Möhwald (1929-2002) und Irmtraud Ohme (1937-2002) an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein zwei der faszinierendsten und international bedeutendsten Keramik- bzw. Metallkünstlerinnen im deutschsprachigen Raum, die mit ihren Arbeiten das Kunsthandwerk frei gemacht haben. Bildnerische Prinzipien hatten Vorrang: Die Kunstwerke erschließen sich in ihrer Wirkung über die „Handschriften", die unverwechselbaren Kompositionen der Materialien, Formen, Dimensionen, Strukturen, Farben, - quasi zweckfrei und sich selbst genügend in der räumlichen, plastischen, malerischen, grafischen Originalität bzw. deren Zusammenspiel.

Kunst und Kritik liegen oftmals dicht beieinander. Wie haben Sie selbst schon einmal als Kunstsachverständiger oder auch in Ihrer Funktion als Kurator einer Ausstellung, die Reflektionen von Kunst durch andere wahrgenommen oder auch hautnah erlebt?

Bevor ich 1987 zu „Tradition und Neuerertum in der architekturbezogen Metallgestaltung seit 1945 – Studie zu internationalen, nationalen und regionalen künstlerischen Linienführungen" meine Dissertationsschrift verteidigte, habe ich neben meiner Arbeit mit Kunstprojekten für öffentliche Räume im Büro für architekturbezogene Kunst in Erfurt auf Erfahrungen und öffentliche Reaktionen meiner Arbeit als Ausstellungsmacher, Kurator und Katalogautor aufbauen können. Im Grenzbereich zwischen angewandter und freier Kunst wurde ich eingeladen, 1987 die Ausstellung „10 Jahre Metallgestaltersymposium Staßfurt" gemeinsam mit dem Erfurter Ausstellungsgestalter und Grafikdesigner Horst Feiler zu konzipieren und im Kulturhistorischen Museum sowie auf Straßen und Plätzen direkt gegenüber dem Dom in Magdeburg umsetzen.

Es waren sowohl die ungewohnte Sicht auf diese Kunst, was provozierte, als auch die Kunstwerke, die wir mit den verschiedenartigsten Personalstilen zu einer Ausstellung inszenierten. Zu sehen waren z.B. Arbeiten aus Edelstahl, Corten und Installationen bis hin zu Ready mades (Arbeiten aus Fundstücken, industriell vorgefertigter Teile).

Das war in mehrfacher Hinsicht spannend. Denn, gezeigt wurde etwas Neues, nicht das DDR-kulturpolitisch eingeübte, realistisch-figürliche.

Neben ungewöhnlichen Materialien und Gestaltformen war es auch der andere künstlerische Umgang der Metallkünstler mit dem Raum, der Aufmerksamkeit erregte. Bis hin zu großen öffentlichen Kontroversen in der Presse. Es gab auch tolle, positive Reaktionen. So wurden wir von der Staatlichen Kunsthalle Berlin zur Realisierung der Ausstellung „Metallkunst aus der DDR", die Anfang 1989 stattfand, nach Westberlin aus Anlass der Wiedereröffnung der Kongresshalle im Tiergarten eingeladen. Das war für mich eine spannende und anregende Zeit, ebenso, wie die als einer der Kulturverantwortlichen in Weimar ab 1994.

„Als sich Weimar um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 1999 im Jahr 1994 erfolgreich bewarb, war ich von Beginn an dabei. Was ich in der Zeit in der Kultur-, Kunst- und Stadtentwicklung bis 2003 mitgestalten durfte, reicht eigentlich für drei Berufs-Leben."

Wann haben Sie selbst Ihren Sinn für Kunst entdeckt?

Sicher hat das etwas mit meiner Kindheit zu tun. Ich komme aus einem kleinen Ort in Mecklenburg. In unmittelbarer Nähe des Elternhauses gab es eine Schmiede, in der ich als Kind häufig bei der Arbeit zuschauen durfte. Vielleicht erklärt sich so meine Affinität zum Metall? (lacht) Und meine Mutter hat oft mit mir gezeichnet und mich zum Malen angeregt, sicher prägt so etwas. Ich habe später in Weimar mein Abitur gemacht und bin während meiner Schulzeit schon zum freien Aktzeichnen gegangen und habe im Kunstzirkel bei Künstlern wie Otto Paetz oder Horst Jährling unter Anleitung gezeichnet, gemalt und Techniken, wie Radierung, Aquatinta, Holzschnitt bzw. Lithografie erlernt. Nach meinem Studium als Lehrer für Kunsterziehung und Deutsch bin ich in Weimar zu den Aktzeichenkursen von Horst Peter Meyer gegangen. Ich wollte also immer mehr als das Übliche mit Kunst zu tun haben. Dann habe ich folgerichtig auch mit der Begründung, „...dass ich Künstler werden möchte...", meine in vielerlei Hinsicht folgenreiche Kündigung beim Weimarer Stadtschulrat eingereicht. (lacht herzlich)

Das klingt ganz nach wahrer Berufung und Leidenschaft für die Kunst. Kunst kann aber auch für jedermann zu einem echten Hobby werden. Wie lässt sich der Sinn für Kunst denn am besten entdecken?

Da gibt es heute viele, auch mediale Angebote unterschiedlichster Art in Zeitschriften, im Fernsehen oder Internet,– beispielsweise Künstlerplattformen, zum Kunsthandel, zur Kunstbewertung bis hin zu Künstlerporträts oder Kunstbesprechungen. Ganz zu schweigen von den vielen großartigen Kunstbuchpublikationen im Buchhandel. Außerdem gibt es in jeder Region Kunstkurse an Volkshochschulen oder alle möglichen Kunst- und Kulturhöfe, wo Künstler interessierten Laien und Profis in unterschiedlichsten Altersgruppen etwas anbieten. Das reicht vom Mal,- Plastik-, Zeichen-, Email-, Schmuckgestalter- und Töpferkurs bis hin zu gemeinsamen Exkursionen zu Kunst- und Kulturereignissen. Die Biennale in Venedig (Anm. d. Red.: la Biennale di Venezia) ist so ein Muss, oder auch Messen in Deutschland. Die „artthuer" in Erfurt ist empfehlenswert für kunstinteressierte Anfänger und Profis. Übrigens: Eröffnungen von Ausstellungen in Museen (Vernissagen) sind in der Regel eintrittsfrei. Und man sollte auch wissen, zur Vernissage oder zum Schluss (Finissage) einer Ausstellung mit Gegenwartskunst sind die Künstler meist anwesend, beantworten Fragen und stehen zu Gesprächen über ihre Kunst gerne zur Verfügung. Hinweise findet man u.a. im Terminkalender von 60 plusminus.

„Ich kann nur dazu auffordern und anregen, sich darauf einzulassen – Kunstgenuss und Kunstverständnis bereichern das Empfindungsvermögen, tragen zum Verstehen der Welt bei und gehören zur Allgemeinbildung."

2009 war Jahr des Bauhaus – eine Kunstrichtung, die zeigt, dass manche Kunst auch bis heute ihre Spuren hinterlässt...

Die Künstler des Bauhauses haben aus heutiger Sicht tatsächlich Vieles erreicht, was sie wollten! Der Ansatz war revolutionär. Es ging um Kunst, Design und Architektur für alle – ein ganz breiter, sozialer aber auch dogmatischer Ansatz. Neben den oft zu Recht in Verruf geratenen Plattanbaugebieten in Ost und West ist IKEA in der Fortführung stilprägender und funktionaler Design-Traditionen der Bauhaus-Gründer so gesehen ein positives Ergebnis. Wer könnte sich einen Original-Freischwinger von Marcel Breuer leisten? Und das ist nun wieder ganz spannend: das Baukastenprinzip so zu perfektionieren, dass jede(r), wirklich jede(r) einen Stuhl, einen Schrank etc. erwerben und auch bauen kann – wenn die Bedienungsanleitung eingehalten wird.(lacht) Das sind so witzige Zusammenhänge, die eigentlich auch eine Rolle spielen, wenn man sich mit Lebenskultur beschäftig, zu der neben Massen-Design mit einer gewissen Uniformität eben als das Besondere, mit dem sich jede(r) umgeben und im besten Sinne „schmücken" kann, auch originale und unverwechselbare Kunst gehört.

Sie arbeiten als Kunstgutachter, Kunstsachverständiger, gelten als Kunstexperte. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe, das Besondere Ihrer Arbeit?

Unabhängig, fundiert und professionell beraten! Ich arbeite als Kunsthistoriker freiberuflich und unabhängig, wissenschaftlich und meinem Kunstsachverstand sowie langjähriger Berufserfahrung verpflichtet. Mit meinem über viele Jahre gewaschenen Überblick berate und begleite ich private und öffentliche Auftraggeber z.B. mit Wertgutachten, beim Kauf von Kunstwerken, beim Anlegen einer Sammlung, bei Wettbewerben für Kunstprojekte, bei Symposien. Und ich bin als Ausstellungsmacher, Katalogautor und Kunstrezensent tätig.

Kunst erlebbar zu machen, ist ein bedeutender Wunsch von Ihnen...

Was ich möchte, ist mit meinen Möglichkeiten ein allgemeines Kunstinteresse wecken, das sich am „Besonderen" orientiert. Es geht mir dabei auch um „neue Kunstinteressierte", über die Stammklientel hinaus, seien es nun Private oder Öffentliche. Vor allem möchte ich dazu beitragen, Menschen für Kunstqualität, - gute bildende Kunst (Malerei, Grafik, Plastik, Fotografie, Installationen etc.), gute angewandte Kunst (Kunsthandwerk, Grafikdesign etc.) und gutes Design-, zu interessieren.

Kurze Vita:

1949 in Mecklenburg geboren

1987 Promotion in Erfurt

1979 – 1990 stellvertretender Direktor Büro für Architekturbezogene Kunst in Erfurt

1994 – 2000 stellvertretender Kulturdirektor in Weimar

2000 – 2003 Direktor des Stadtmuseums, des Deutschen Bienenmuseums und der

Kunsthalle am Goetheplatz in Weimar

2004 – 2007 Kulturdirektor der Stadt Gera

2007 – 2009 Projektbeauftragter des Freistaates Thüringen

des ersten Landesprojekts „ Mensch, Natur und Städtebau 2009 -Bad

Langensalza erlebenswert")

zudem: seit vielen Jahren tätig als Ausstellungsmacher, Autor, Rezensent, Projekt- und Kulturmanager und Kunstsachverständiger für Kunst und Antiquitäten

Kontakt:
E-Mail dr.r.wiese@web.de
Fon 03643-829245
Anschrift Dr. Rüdiger Wiese
Im Tillgarten 31
99428 Hopfgarten

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