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Achim Mentzel: »Leben und leben lassen« –

Ein Besuch in der Lausitz

 

Text: Susann de Luca, Christian Köhler

 

60plusminus besucht heut den bekannten Musiker und Moderator Achim Mentzel in seinem trauten Heim in der Nähe von Cottbus. Extra für uns nimmt er sich ein bisschen Zeit, heißt uns herzlich willkommen und steht uns Rede und Antwort.

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Für uns kramt der Entertainer in seiner Vergangenheit und erzählt uns, wie er zur Musik gekommen ist: »Musik selber zu machen habe ich 1963 begonnen. Ich habe damals zwei Kumpels gefunden, die Gitarre gespielt haben. Ich selber konnte nicht spielen und habe  meine Mutter angebettelt, dass ich auch eine Gitarre bekomme. Zu Weihnachten gab es dann eine.«, freut sich Achim Mentzel noch heut und fügt an: »Ich habe mir das Spielen von meinen Kumpels abgeschaut. Am Anfang konnte ich nur ein Lied spielen, was meine Mutter ziemlich genervt hat. Das war der Song „hang on your head tom dooley“.«

 

Seine Augen leuchten regelrecht als er sich noch weiter erinnert: »Wir haben den „Schlager der Woche“ im RIAS Berlin gehört und haben uns die Texte von den Beatles und den Stones angehört und aufgeschrieben. Allerdings konnten wir ja kein Englisch, bei uns gab es nur Russisch in der Schule. Und so haben wir die Texte so aufgeschrieben, wie wir sie gehört haben – also beispielsweise „Ei law ju“, was sich ja eigentlich „I love you“ schreibt.«, schmunzelt er.

 

Bis 1965 ist Mentzel mit seiner Band „Diana Schau Quartett“ aufgetreten, als er plötzlich Auftrittsverbot erhielt. »Offiziell hieß es, dass wir Steuerschulden hatten. Wir mussten nämlich von unserer Gage einen Obolus abgeben, was wir jedoch damals nicht wussten.« Dies sei allerdings nicht der einzige Grund gewesen. Achim Mentzel entsinnt sich lebhaft: »Nach einem Konzert von uns in Berlin kam es zu mehreren Schlägereien – da war richtig was los und naja, wir haben eben zufällig dort gespielt. Das war auch ein Grund für das Verbot unserer Band, denn die DDR-Jugend an sich war ja gut, aber die Musik war das Böse.«

 

Nach der Armeezeit, bei der Achim Mentzel ebenfalls Musik machen konnte, entschied er sich, zunächst seine Ausbildung zum Polsterer und Dekorateur zu Ende zu machen. Sein Herz hing jedoch immer noch an der Musik: »Manfred Lindenberg vom „Manfred Lindenberg Quartett“ stand eines Tages vor meiner Tür und bot mir an, in seiner Band mitzuwirken. Um die Aufhebung des Spielverbots hatte er sich ebenfalls gekümmert.«, schwelgt er in freudiger Erinnerung. »Bis 1972 war ich nun in verschiedenen Kapellen, unter anderem auch mit Alfons Wonneberg, der damals sehr berühmt gewesen war.«1291976753_1275__8.jpg

 

Nach einem Auftritt in Westberlin beging der damals 27 Jährige Republiksflucht, jedoch nicht aus politischen Gründen, wie er selbst einräumt. »Drei Tage bevor ich am 1. Juni 1973 mit Alfons Wonneberg einen Auftritt in Westberlin hatte, bin ich von meiner damaligen Frau beim Fremdgehen erwischt worden. Als wir dann im Westen waren und der Schlagzeuger unserer Combo beim Aufbauen auf einmal einen Haufen Klamotten und Pässe aus seinem Schlagzeug holte, dachte ich bei mir, ja, ich habe auch Ärger zu Hause und hau mit ab.« So hielt sich der Alleskönner Mentzel mit Schweißerarbeiten und kleineren Arrangements in der Bundesrepublik über Wasser.

 

Eine Anekdote aus dieser Zeit blieb dem Tonkünstler noch im Gedächtnis: »Ein Klubbesitzer sagte einmal zu mir: „Gaukler und Schausteller haben wir alleine genug“. Ich habe dann trotzdem Musik in verschiedenen Klubs gespielt, was damals nicht so einfach war, denn man brauchte schon einige Beziehungen um überhaupt an Auftritte zu kommen.« Dennoch hielt der „Goldene Westen“ nicht alle Versprechungen und das Heimweh trieb den Musiker schon bald wieder zurück in die Heimat…

 

»Meine Frau hatte damals beim Staatsanwalt nachgefragt, was mir denn blühen würde, wenn ich wieder zurückkomme.«, erzählt er ein bisschen nachdenklich. »Dieser hatte mir ausrichten lassen: „Es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“, worauf ich die Heimreise antrat. Vorher habe ich mein ganzen Westgeld ausgegeben und mir einen Fender-Verstärker gekauft, weil ich ja wusste, dass sie mir das gesamte Geld wegnehmen werden.« In Ostberlin angekommen wurde der Sänger von Volkspolizisten in eine Zelle gesperrt und nach etlichen Verhören ins Aufnahmelager der DDR, nach Barby, gebracht. Dort hielt man ihn für neun Wochen fest, bis wiederum Alfons Wonneberg auftauchte…

 

»Alfons Wonneberg erfuhr von meinen Eltern, dass ich wieder im Osten bin. Er kam in das Aufnahmelager und gab mir nun neue Arbeit. Deshalb bin ich schnell wieder aus dem Lager rausgekommen.«, erinnert sich der Musiker. In der Zwischenzeit habe sich Nina Hagen mit ihrem Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ einen Namen gemacht und sei als Ersatzsängerin in die Band „Orchester Alfons Wonneberg“ eingestiegen. Achim Mentzel, nachdem er ein halbes Jahr mit Nina Hagen und Alfons Wonneberg musizierte, verließ die Kapelle jedoch wieder und sang beim bekannten „Tanz- und Schauorchester Rostock“. Doch es sollte nicht die letzte Begegnung mit der exzentrischen Punksängerin Nina Hagen bleiben…

 

»Ungefähr ein Jahr später stand Nina vor mir mit großem Schlapphut auf dem Kopf und Sonnenbrille auf der Nase und fragte, sag mal Achim, wollen wir nicht was zusammen machen? Und so haben wir Fritzens Dampferband gegründet.« erzählt der quicklebendige Entertainer. »Die Band ist ´ne richtige große Nummer 1291976758_4268__8.jpggeworden.«  Begeisterung steht dem Vollblutmusiker ins Gesicht geschrieben. »Wir hatten Fernsehauftritte und das alles.« Eine Kleinigkeit galt es jedoch noch zu überwinden und so erfahren wir noch eine kleine Geschichte aus dem Leben des vielbeschäftigten Mannes. »Die Kommission für Unterhaltungskunst hatte uns damals zum Vorsingen bestellt, da wir einen Künstlerausweis für unsere Auftritte brauchten.« (Schmunzeln setzt auf Achim Mentzels Gesicht ein) »Und naja, Nina hat es gleich geschafft, ich musste noch einmal dort antreten.« (lacht).

 

Nach der Übersiedlung Nina Hagens in die Bundesrepublik, manch einer erinnert sich vielleicht noch an ihre Solidaritätsbekundung gegenüber Wolf Biermann, startete Achim Mentzel seine Solokarriere. »Ich bin in dieser Zeit Land auf Land ab unterwegs gewesen und sehr oft im Fernsehen aufgetreten. 1988 habe ich die 95. Sendung „Kessel Buntes“ im DFF moderiert. - Und wer Kessel Buntes machen durfte, der war angekommen«, erklärt er uns noch freudig, während seine Gesichtszüge ernster werden und sagt: »Und auf einmal kam die Wende.«

 

Unverhofft öffnete sich – eher unerwartet – eine Tür für den beliebten Volksmusiker. »Im Mai 1989 hatte das DDR Fernsehen gehört, das Carolin Reibach im ZDF die Hitparade der Volksmusik moderieren soll. Das private Fernsehen im Westen hatte ja längst diese Hitparaden. Also hat die DDR gesagt, wir müssen mindestens einen Monat eher auf Sendung gehen wie die ZDF Hitparade.«, freut er sich wie ein Schneekönig. »Ich wurde dazu gefragt, ob ich eben diese neue Sendung moderieren möchte. So haben wir am 23. November 1989 die erste „Achims Hitparade“ gemacht und ausgestrahlt.« Bekanntlich existiert diese Sendung noch heut und erfüllt den junggebliebenen Moderator merklich mit Stolz.

 

»Wir hatten später mit der ZDF Hitparade sogar einen Austausch gehabt, wo die Sieger meiner Sendung und die des ZDF in der jeweils anderen Sendung aufgetreten sind.« erzählt er uns ein wenig wehmütig und fügt an: »Das ging dann allerdings nur so lange, wie es hieß „Wir sind das Volk“. 1291976754_4464__8.jpgAls es dann hieß „Wir sind ein Volk“ hat das ZDF diese gute Sache aufgegeben, weil wir plötzlich ein Konkurrenzsender waren.« Durch „Achims Hitparade“ und vielen weiteren Fernsehauftritten ist der Moderator mit dem Schnauzbart und der markanten Frisur auch in den alten Bundesländern bekannt geworden. Dabei hatte Oliver Kalkofe tatsächlich keinen geringen Anteil…

 

»Eines Tages rief ein Freund an und sagte zu meiner Frau, schalt mal zu der Sendung „Kalkofes Mattscheibe«, entsinnt sich Achim Mentzel freudestrahlend. »Dort stand einer, der mich und meine Sendung ganz schön aufs Korn genommen hat. Ich glaube es hieß damals: „Ja, beim MDR ist ein Moderator, der sieht aus wie eine Mischung aus Tony Marshall und einem überfahrenen Hamster. Wenn Sie auf ihn treffen, rufen sie den Hundefänger.“« (lacht) Offensichtlich störte ihn diese Parodie damals nicht, denn er erklärt uns grinsend: »Mehr Publicity konnte ich ja gar nicht bekommen. So hat mich dann Oliver in seine Sendung eingeladen und das war ein riesen Spaß. Da war richtig was los. Über ihn bin ich dann auch ins Filmgeschäft, also zu den Filmen rund um den „Wixxer“, gekommen.«

 

So managt sich Achim Mentzel seit Jahren selbst, denn er weiß: »Man muss das machen, was einem Spaß macht. Die Leute merken das, ob einem das Spaß macht, was man tut.« Und so hat er noch genügend Zeit für die Familie, die ihm das Wichtigste überhaupt ist. »Wenn ich keine Familie hätte, wäre ich gar nicht soweit gekommen. Man muss ja wissen, für was man das alles auf sich nimmt. Wofür wohnt man denn im Hotel und nimmt die ganzen Strapazen in Kauf – ganz klar – für die Familie. Man brauch bei dem ganzen Trubel einen Ruhepol, einen Ort der Entspannung und des Wohlfühlens.« Dabei hat er wohl ebenso viel laute Aufregung in der Familie wie unterwegs. »Wir sind im harten Kern 23, also Kinder und Enkelkinder. Da kann man sich ja vorstellen, was wir für Familienfeste feiern!«, feixt er und ist doch gleichzeitig ein wenig bekümmert: »Ich bin ganz traurig, dass kein einziges meiner Kinder Musik machen will. Von den vielen Enkeln die ich habe, spielt nur eines Schlagzeug in einer Rockband. Schade, dass sich nicht mehr für das Musikmachen begeistern können.«

 

Zum Abschluss unseres Gesprächs verrät uns Achim Mentzel noch einen Wunsch, den er sich gern noch erfüllen möchte. »Ja, wenn ich danach gefragt werde, antworte ich immer: Ich möchte einmal die Sendung „Wetten Das“ um eine Stunde überziehen. Das wäre mal was!«, der Schalk steht ihm dabei ins Gesicht geschrieben. Bei der Verabschiedung gibt er uns noch folgenden Rat mit auf den Weg: »Meine Divise ist immer: Leben und leben lassen.« Das glauben wir ihm gern und freuen uns, dass wir bei Achim Mentzel Gast sein durften.

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