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Der Anker Steinbaukasten

Auf den Spuren einer Legende

Es waren die Gebrüder Lilienthal, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Alternative zu Spielzeug aus Holzklötzchen suchten. Sie mischten Quarzsand mit Kalk, Leinölfirnis und Naturfarben und pressten daraus stabile Mineralbausteine. Zur gleichen Zeit befand sich Europa im Wandel.

Die Ära der Industrialisierung begann - Bismarck entwickelte die ersten deutschen Sozialversicherungen und demokratische Parteien entstanden. In dieser Zeit kaufte der Unternehmer Friedrich Adolf Richter das Patent zur Herstellung von den hoch verschuldeten Gebrüdern Lilienthal. Richter war auch Inhaber der Ankerwerke und stellte neben Produkten auch Musikinstrumente und medizinisches Gerät her.

Er erkannte das Potential der Ankersteine und produzierte sie neben Rudolstadt bald auch in Wien, Rotterdam, St. Petersburg und sogar in New York: Die Geschäftsideen des Unternehmers beeindrucken noch heute. Er war einer der ersten in Deutschland, der großflächig bunte Werbung verwendete, die Lösungen zu den Knobelaufgaben separat verkaufte und die Steinbaukästen auch in einer Prachtausgabe herausgab. Die Kästen bestanden dann aus Edelhölzern mit Messingbeschlägen, jeder Stein war in Seidenpapier eingehüllt.

Zu bestimmten Ereignissen legte er Sondereditionen seiner Bauwerke auf und bemühte sich eifrig, Lobeshymnen berühmter Persönlichkeiten zu erhalten. In seiner Blütezeit beschäftigte Richter allein in Rudolstadt rund 650 Arbeiter. Heute weiß man, dass zum Beispiel Albert Einstein, Erich Kästner und Walter Gropius gern mit den Ankersteinen spielten. Selbst die Präsidenten Roman Herzog und Bill Clinton frönten der Leidenschaft, Häuser aus den faszinierenden Klötzchen zu errichten. Betritt man das Werk in Rudolstadt, umweht den Besucher der alt vertraute Geruch des Leinöls, das als Kleber die gepressten Steine zusammenhält.

In einer Halle stapeln sich Säcke mit Quarzsand und Kalk, Ölfässer türmen sich auf. In großen Trommeln werden die Zutaten mit Naturfarben gemischt, um sogleich im Nebenraum in ihre endgültigen Formen gepresst zu werden. Um die Mischung der Gesteinsmasse ranken sich zahlreiche Legenden. Das Geheimnis der Herstellung ging mehrfach verloren und wurde zuletzt in den 1990er Jahren wiederentdeckt. Nur einige wenige durften in den verschlossenen Raum, um die Masse herzustellen.

Die letzte lebende Zeugin, die während der Produktionszeit in der DDR die Herstellung beherrschte, weigerte sich bis zu ihrem Tode im Jahr 2003, ihr Wissen preiszugeben und nahm das Geheimnis mit ins Grab. Jeder Stein wird noch heute von Hand gemessen, um ein Maximum an Qualität zu erreichen. Bestimmte Steine werden während der Produktion sogar von Hand vorgestopft, weil die komplizierten Formen nicht immer von Maschine eingefüllt werden können. Besonders freut sich Bettina Schiebel, die Produktionsleiterin, wenn Ankerfreunde die teilweise über 120 Jahre alten Baukästen zu ihr bringen.

"Es ist toll, dass dieses Spielzeug so lange hält. Sicher ist es nicht billig, aber ein Computerspiel für 50 EUR liegt nach einem halben Jahr achtlos in der Ecke, während mit unserem Kasten noch Generationen spielen werden." Gerade zu den immer beliebter werdenden Tagen der offenen Tür können Jung und Alt gemeinsam nach Herzenslust bauen. Es wird hierbei die Feinmotorik trainiert, das Gedächtnis stimuliert und auf spielerische Weise das logische Denken angeregt. Es macht auch Spaß, gemeinsam mit den Enkeln Bauwerke zu errichten.

Eine wahrhaft unglaubliche Geschichte: Vor 4 Jahren rief eine Dame aus Waltershausen an, deren Neffe im Ort ein Haus geerbt hat. Er habe dort in einem Schuppen die alten Ankerpressen und die Originalwerkzeuge gefunden. Sie fragte, ob das Unternehmen daran Interesse habe. Zunächst war man sehr skeptisch, da alle originalen Maschinen und Werkzeuge als verloren galten. Dann wollte sich die Dame wieder melden und ein Jahr lang geschah nichts. Die Dame rief plötzlich wieder an und fragte, als sei es gestern gewesen, ob denn noch Interesse bestehe.

Immer noch im Zweifel fuhren zwei Mitarbeiter der Firma nach Waltershausen und fanden sich bald in einem völlig verfallenen Haus wieder. Dort trauten sie ihren Augen nicht, denn es stand vor ihnen in einem Schuppen eine Original Richterpresse, die man nur noch von Fotos kannte. Dann öffnete der ebenfalls angereiste Erbe eine alte Holztruhe, die voll war mit den originalen Werkzeugen. Vorsichtig wurde alles geborgen, sorgsam verpackt und beim Gehen bemerkten die Mitarbeiter eine weitere Truhe, die einen halben Meter hoch mit Schutt bedeckt war.

Der Erbe wusste nichts vom Inhalt. Dann offenbarte sich beim Wegräumen des Abraums der nächste Schatz. Auch diese Truhe war voll mit Werkzeugen. Also wurde ein zweiter Transport organisiert, um die Teile auch sicherzustellen. Das Auto wäre fast unter der Last des Metalls zusammengebrochen, aber alle Schätze wurden geborgen. Selbst diese alte wiederentdeckte Maschine ist noch heute im Einsatz und ist das robusteste aller Geräte.

Für bestimmte Steine stellt sich die Produktionsleiterin selbst an die Presse und produziert bis zu 3000 Steine am Tag per Hand und nur mit ihrer Muskelkraft. Das spare jedes Fitness-Studio, sagt Bettina Schiebel mit einem Lächeln. Wenn Sie sich und Ihren Lieben einen unvergesslichen Tag bescheren möchten, besuchen Sie die Anker Steinbauwerke GmbH in Rudolstadt. Es können dort neben einer Führung durch die Produktion mit zahlreichen unterhaltsamen Anekdoten selbst Steine hergestellt werden. Ein riesiger Berg mit Ankersteinen lädt Jung und Alt ein, nach Herzenslust zu spielen.
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