» Eine Wunschoma für Oskar

»Das erste Mal waren sie auf einem Event…und sie waren glücklich als sie nach Hause kamen und er schlief noch…« erinnert sich Oskars Wunschoma.
Kirsten Zerbst helle Augen leuchten als der kleine Mann neben ihr sofort bestätigend anfängt lustig vor sich hinzuschwatzen. Kaum zu glauben, dass die Frau mit den hübsch angeordneten Sommersprossen und dem locker zusammengebundenen Pferdeschwanz ganz aus strohblonden Haaren eine Großmama sein soll…
»Ich bin ja auch selbst noch keine Oma«, sagt sie unvermittelt, so als hätte sie meine Gedanken erahnt. Mit ihren 52 Jahren geht Kirsten Zerbst locker noch als "Spätjugendliche" durch. Doch noch bevor ich sie fragen kann, was sie so unglaublich jung und hübsch hält, reflektiert Simone, die Mama vom kleinen süßen eineinhalbjährigen Fratz namens Oskar, über den ersten Einsatz der "Wunschoma" Kirsten bei sich zu Hause: »Ja, es war der allererste Abend, an dem wir Aus wahren, seit es Oskar gibt, strahlt die junge Mama und fügt freudig kopfschüttelnd hinzu: »Oli und ich haben eigentlich zuerst ständig auf die Uhr geschaut… aber später haben wir uns wirklich auch auf unseren gemeinsamen Abend freuen können und kaum bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war…«
Wie die drei, beziehungsweise vier überhaupt zusammengefunden haben, lässt sich schnell erzählen. »Ich habe vom Großelterndienst in der Zeitung gelesen und meine Nachbarin um die Ecke sofort darauf angesprochen und gesagt, das will ich bitte auch.", lacht Simone. Nur, dass die angesprochene Dame zufällig direkt mit diesem Vorhaben zu tun hatte und Simone, Oli und vor allem Oskar sogleich weiterhelfen konnte, das war nicht planbar…
Seit November 2006 gibt es den Großelterndienst nun in Erfurt. Und seither haben rund einhundert Familien nach der Vermittlung einer Wunschoma oder auch eines Wunschopa gebeten. - Viele von ihnen hoffen jetzt auf ein rasches Kennenlernen mit netten "Großelternanwärtern". Doch noch herrscht Mangel an liebevollen Ruheständlern, die wie Kerstin Zerbst gern in einer neuen Familie diese ganz besondere Aufgabe übernehmen möchten. Denn noch weiß eben nicht jeder agile Mensch im beruflichen Ruhestand, dass es diesen tollen Dienst hier überhaupt gibt. Hinzugefügt sei, dass, wer sich zur(m) "Wunschoma oder -opa" berufen fühlt, sich natürlich jederzeit gern "bewerben" kann.
Dass der Trend, eine Leihoma in seine Familie zu holen, eine wunderbare und durchaus bereits gängige Zukunftsmusik ist, beweisen vergleichbare Dienste in anderen deutschen Städten, wie Leipzig und Dresden. Die Nachfrage nach dieser ganz besonderen Betreuung wächst stetig. Vor allem für alleinerziehende Elternteile bedeutet ein liebevoller und fürsorglicher wie auch erfahrener Mensch oft einen wahren Segen. Schon Kleinigkeiten, wie das Kind aus dem Kindergarten holen, Spielpartner der Steppkes zu sein und somit Mama und Papa mal Freiräume für sich selbst schaffen zu können, die gern die Zeit nutzen um mal allein einkaufen zu gehen oder auch mal außer Haus ein bißchen Erholung zu genießen, sind ein echter Glücksfall.
Vor allem ist es auch eine wunderbare Sache für beide Seiten, für Wunschgroßeltern wie auch die "Neufamilie". So wünscht es sich auch die Initiatorin des Großelterndienstes, Dr. Ursula Winker, für alle künftigen Großeltern-Familien-Beziehungen. »Es soll eine Herzensbindung zwischen den (Un)Ruheständlern und den neuen Familien entstehen.« verrät sie und erklärt sogleich darauf: »Es ist nicht einfach nur ein Babysitterdienst, der hier geleistet werden soll. Oftmals sind die eigenen Kinder der betreffenden Personen weggezogen, wohnen und leben heute in anderen Städten. Und wer möchte schon gern allein zu Hause sitzen, wenn man doch noch bis eben aktiv im Berufsleben stand und so viel Wissen und Lebenserfahrung weitergeben kann?«
Das erklärt, warum sich bereits etliche "Betreuungswillige" so begeistert zeigen, die nun endlich von diesem wunderbaren Vorhaben erfahren haben und sich nur allzugern als Leih- Großeltern ihrer neuen Aufgabe widmen wollen. »Außerdem…«, da ist sich Dr. Ursula Winker sicher: »…haben vor allem Senioren unglaubliche Ressourcen und Potentiale, die sie an bedürftige Familien, die eben auch keine Großeltern für ihre Kinder in ihrer Nähe haben, weitergeben können.«
Eine weitere Großmama des Elterndienstes in spe, deren Kinder und Enkel selbst weit weg von Erfurt im Ausland leben, freut sich schon ganz begeistert auf ihre neue Familie. In wenigen Tagen lernt sie sie endlich kennen. Und dort wartet ein eineinhalbjähriges Mädchen schon sehnsüchtig auf die neue Oma, die regelmäßig Zeit nur für sie allein hat. »Es ist doch eine Freude an solch einer
Entwicklung teilhaben zu können.«, strahlt die selbst zweifache Oma. Über die Zusammenführung von Wunschoma und Familie weiß sie: »Die Chemie muss einfach stimmen, dafür sind natürlich Gespräche wichtig, die schon vorab miteinander geführt werden.« Wenn dies beiderseitig stimmt, steht einer Weiterentwicklung auch außerhalb des Großelterndienstes nichts im Wege.
Eine ganz besondere Idee des Erfurter Großelterndienstes ist es, die Oma und den Opa nicht allein nur gegen Geld zu sich holen zu können. Vielmehr bestimmen hier auch die zwischenmenschlichen Werte das Miteinander. Anderenfalls könnte sich wohl nicht jeder eine solche familiäre Unterstützung leisten. Im Gegenzug für die Leistung der Ruheständler im Einsatz kann ein durch Papa frisch tapeziertes Wohnzimmer mehr ausdrücken, als es viele Worte der Dankbarkeit könnten. Und auch die Mama, die vielleicht gelernte Frisörin ist, findet sicher eine gute Möglichkeit des Danksagens, möglicherweise mit einem kleinen Verwöhnprogramm für die Wunschoma. Und hat man sich so erst einmal aneinander gewöhnt, gehören für Familien mit Wunschoma-Zuwachs sicher auch gemeinsame Ausflüge, wie ein Picknick im Park oder der Besuch im Zoo dazu.
Bei Kirsten Zerbst, dem kleinen Oskar und seiner Familie steht vorerst jedoch noch das Kennenlernen an erster Stelle. In regelmäßigen Gesprächen zwischen Eltern und Wunschoma wird sich ausgetauscht, besprochen wie man sich das Miteinander vorstellt, es werden Erziehungsfragen geklärt und persönliche Sichtweisen geklärt. Während sich Mama Simone und Kirsten schon ein bißchen miteinander angefreundet haben, fremdelt Papa Oli noch ein bißchen mit der Wunschoma für seinen Oskar, verrät uns Simone. Kirsten erinnert sich sogleich, dass der Papa seinen kleinen Liebling Oskar bei der ersten Begegnung mit Kirsten am liebsten gar nicht aus den Händen geben wollte… Und dann war alles gar nicht so wild und Oskar hatte es sogar gleich gefallen...
Dem Lächeln nach zu urteilen, das Simone und Kirsten miteinander austauschen, könnte aus dieser Verbindung ein Band für die Zukunft zu werden…
Werden auch Sie Wunschgroßeltern
- Der Großelterndienst sucht Senioren ab einem Alter von
45 Jahren aufwärts
- Bevor man als Wunschoma oder -opa in eine Familie kommt, werden
beim Großelterndienst bereits beiderseitige Wünsche und
Interessen, Anforderungen verglichen.
- Die Aufgabe der Kinderbetreuung ist kein reiner Babysitterdienst,
vielmehr der Zugewinn einer neuen Familie
- Die Aufgaben mit den Kindern werden natürlich mit deren
Eltern abgesprochen, oftmals gehören jedoch gemeinsames
Spielen, im Park Toben, gemeinsames Basteln und Lernen dazu. Auch
das Abholen von Schule, Sportverein oder aus dem Kindergarten kann
eine Erleichterung für die Familie sein.
- Angedacht sind für die Wunschgroßeltern zunächst
ein Einsatz von maximal 20 Stunden monatlich. Nach eigenem Wunsch
kann diese Zeit ausgedehnt werden.
- Alle 4 Wochen bietet der Großelterndienst Treffen zum
Erfahrungsaustausch für alle Wunschgroßeltern. Hierbei
steht auch ein Sozialpädagoge für Erziehungsfragen zur
Verfügung, bietet pädagogischen Rat
- auch für die Förderung von Kindern, abgestimmt auf
deren Alter.
Großelterndienst - im
Mehrgenerationenhaus
Marktsstr. 6 | 99084 Erfurt
Kontakt über den Family Club Erfurt
Am Drosselberg 26 99097 Erfurt
Tel. 0361 4304996
Mehr Infos auch im Internet: www.dfv-thueringen.de
