Applaus für Ingrid Weber
Erdmann Schleinitz über eine Frau, die man erlebt haben
sollte…
Ein Zwischenapplaus unterbricht Ingrid Weber in
ihrem Monolog, die Zuschauer lachen mitfühlend zu den Worten
aus dem Munde der Christiane von Goethe, geborene Vulpius. Die
Schauspielerin hält wartend inne und, nach dem Ruhe im Raum
ist, fährt sie in ihrer Darbietung fort, unterstreicht ihre
Worte mit anmutigen Gesten, vielsagendem Augenaufschlagen und
gelassenen Schritten auf den "Brettern", die auch ihr eine
Welt bedeuten.
So zu erleben war neulich wieder Ingrid Weber in der Bibliothek des
Erfurter Beratungs- und Kompetenzzentrums am Juri-Gagarin-Ring,
ihre Zuschauer waren der Einladung des dortigen Literatursalons
gefolgt und hatten nun ihre übergroße Freude an diesem
Ereignis. Was hörten und sahen sie? Die Schriftstellerin
Christine Brückner hat einen Monolog "'Ich wäre Goethes
dickere Hälfte'. Christiane von Goethe im Vorzimmer der
verwitweten Oberstallmeisterin Charlotte von Stein" für
Solo-Auftritte auf das Papier gebracht, Ingrid Weber hat ihn
gekonnt, inniglich und überzeugend vorgetragen. Frau spielt
und spricht ein Frauenschicksal.
Wer ist diese Ingrid Weber, die souverän vor dem
interessierten Publikum auftritt? Ingrid Weber, geboren in
Schlesien, nach dem Krieg in der Gegend hier "hängen
geblieben", war schon immer eine Leseratte. Die Welt der
Schauspielerei hat auf sie seit eh und je eine magische
Anziehungskraft ausgeübt, was zu häufigen Kinobesuchen
ein Leben lang führte. Die bodenständige Ingrid
beließ es dabei und weitergehende Wünsche hatten nur in
ihren Träumen Platz.
Sie ging in Sondershausen zur Schule, lernte ihren Beruf im
Gesundheitswesen in Erfurt, wo sie auch immer arbeitete. Die
Familie, insbesondere zwei wohlgeratene Töchter, hatte den
Vorrang vor den Träumen. Als es mit der Arbeit vorbei war,
schon vor Jahren, wurden ihre schauspielerischen Ambitionen zum
Leben erweckt. Der Anlass war für sie eher zufällig: Der
Arbeitslosenverband wollte seinen Mitgliedern eine niveauvolle,
aufbauende Freizeitgestaltung bieten und annoncierte in der Zeitung
einen Kurs unter Leitung der erfahrenen Schauspielerin Gudrun
Wuttke. Das sollte helfen, den Frust der Arbeitslosigkeit abzubauen
und war nachher im Fall der Ingrid Weber so viel mehr. Ingrid Weber
hat sich sofort gemeldet - vierzig Leute waren sie wohl insgesamt,
die mitmachen wollten. Dann wurde ausgesucht, abgewogen und
vorgesprochen - zum Schluss war es noch ein knappes Dutzend, die
dann dabei blieben, Woche für Woche im Family Club am Erfurter
Drosselberg. Ja, da hieß es von der Pike auf die
Die kleine Truppe unter Führung von Frau Wuttke studierte die Werke gemeinsam ein, verteilt auf die Kursteilnehmer. So gab es ein kompetentes, aber mitfühlendes, betroffenes Publikum, das gar keinen Raum für unsachliche Kritik ließ - sie waren ja unter sich! Was sich als Vorteil darstellt, war andererseits ein Manko: großes Publikum muss her! Ingrid Weber erinnert sich an einen ihrer Auftritte in größeren Häusern und vor kompetentem Publikum: Im Kaisersaal Erfurt hörten ihr die Chefs aller Goethegesellschaften Deutschlands als "Charlotte" zu! Ganz erschrocken war sie über die Konsequenz: eine Einladung zu einem Soloauftritt im fernen Marl vor den Mitgliedern der dortigen Goethegesellschaft, also wohl doch vor Fachpublikum! Mit Bravour und Herzklopfen wurde diese Prüfung bestanden, festigte Ingrid Webers Selbstbewusstsein für weitere Auftritte in der Erfurter Gegend.
Und als ihre Schauspielerkollegin ausfiel, lernte Ingrid Weber mit dem Frust darüber im Nacken deren "Karoline" in kürzester Zeit - in der guten Stube hin- und herlaufend. Was für eine Lernleistung!
Seit Jahren schon "tingelt" Ingrid Weber mit ihrer "Charlotte" und "Karoline", mit Gedichten und Geschichten vor allen Altersgruppen, von Kindern bis zum 90jährigen, bei denen, wie sie sagt, die Freude direkt erlebbar für sie ist. Nur wenn sie als Schauspielerin angesprochen wird, wiegelt sie ab. Aber wer sie beim Vortrag erlebt, findet kein besseres Wort! Und sie verweist auf ihre übrigen Freizeitvergnügungen: In der Fahrradgruppe ist sie, im Literatursalon redet sie mit und in der Gruppe gewandert wird auch!
Dennoch bleibt Zeit für die Töchter und die Enkeltochter. Ingrid Webers neueste Maschen: sie strickt kleine Puppen aus Wolle, die bei den Kleinen ganz groß raus kommen. Ingrid Weber, ein vielseitiges Talent, ein Mensch zum Freude verbreiten.
