(Be-)Wundernswert Lebensfreude - zum Nachahmen empfohlen
»Die goldene Hochzeit in diesem Jahr - werde ich
sie noch erleben? Werde ich noch mal einen Frühling
haben?« Rudi Engel blickt zurück auf ein Jahr, das ihm
den wahrscheinlich schwersten Schicksalsschlag seines Lebens
bescherte…
»'Bronchialkarzinom des linken Oberlappens'«, Lungenkrebs also - das bohrt sich tief ein. Obwohl ich es nach dem Bluthusten ahnte, die Diagnose löst eine derartige Erschütterung aus, dass ich vorübergehend nicht in der Lage war, meine Reaktion zu kontrollieren. Man klammert sich an einen Strohhalm, um seine Haltbarkeit wohl wissend, mit der Diagnose reißt er. Das Leben gerät aus den Fugen. Ich fühlte mich plötzlich allein und einsam wie auf einer Insel.«
Die ersten Zeilen aus Rudi Engels selbstverfasster Kurzgeschichte erzählen die bewegenden Momente des anfänglichen Auseinandersetzens mit einer Krankheit, die, wie es der 71jährige uns im Gespräch wiedergibt, 50 Prozent aller Lungenkrebspatienten im ersten Jahr nach der Diagnose an der Krankheit sterben lässt. »Fünf Jahre später leben nur noch 12 Prozent«, erklärt der Senior, der neben der Unterstützung durch seine Familie auch im Schreiben für sich ein Stück weit verarbeiten kann. - So stehen ehrliche, klare Worte auf Papier, ohne zu beschönigen, die seine Geschichte erzählen und die in ihren Silben Leben und Hoffnungen widerspiegeln.
Noch im Krankenhaus, während seines elfwöchigen Aufenthaltes mit 37 Bestrahlungen und 15 verabreichten Chemotherapien, beginnt Rudi Engel eifrig Notizen zu sammeln. Bei seinen Besuchen in der Krankenhausbibliothek stößt er auf Bücher, die ihn mit seiner Krankheit auseinandersetzen lassen, die über Krebs berichten. - Die Zeilen dienen ihm als erste Anregung, das Unglaubliche, das ihm widerfahren ist, niederzuschreiben. Und schon dort in der Klinik ist ihm klar, dass seine Botschaft eine positive sein soll!
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. (Vaclav Havel)
Es ist ein regelrechter Schock für Menschen, die Diagnose einer unheilbaren oder lebensbedrohlichen Krankheit erfahren zu müssen, erinnert sich Dr. Rudolf Arnrich an seine Zeit als Arzt und Chirurg in Erfurt zurück: »Zu meinen Ausbildungszeiten, so erzählt der 70jährige Arzt, meinten viele Mediziner, die Hoffnung und das Glück müssten bis zum letzen Tage erhalten bleiben. Es wurde damals nur selten über die Umstände eines Kranken aufgeklärt. Das hat sich Gott sei Dank geändert. Es gibt heute genügend Möglichkeiten Menschen zu helfen. Die Diagnose einer begrenzten Lebenserwartung, verursacht durch eine Krankheit, muss niemanden verzweifeln lassen.«
Mit seinem Ruhestand vor fünf Jahren ist Rudolf Arnrich Leiter des Fördervereins der Palliativstation des Katholischen Krankenhauses "St. Johann Nepomuk" in Erfurt. Seit nun mehr zehn Jahren existiert dort Thüringens erste Palliativstation (krankheitslindernde Versorgung). Im Gegensatz zu einem Hospiz, in dem Menschen nur noch von Familie und ehrenamtlichen Mitgliedern gepflegt werden, wird auf einer Palliativstation eine aktive Behandlung der Patienten vorgenommen. Ziel ist hier das »Erhalten der Lebensqualität und die Verbesserung der Umstände der Patienten«, erklärt Dr. Rudolf Arnrich. »Wichtig sind die Achtung und das Erkennen seiner Bedürfnisse, die Selbstbestimmung des Menschen, die Nutzung der patienteneigenen Ressourcen. Und aus medizinischer Sicht: das offene, emphatische, sensible Reagieren auf die Menschen. Die Patienten sollen menschenwürdig leben können und nach der Behandlung hier, wenn möglich, wieder nach Hause gehen können.«
Erst wenn die übrige Medizin sagt, dass die Mittel erschöpft sind, kommt die palliative Medizin als Behandlung in Frage, dann wenn bei einem Krebspatienten zum Beispiel Chemotherapie und Bestrahlung keine Hilfe brachten.»Auf einer Palliativstation versucht man so zum Beispiel durch chirurgische Eingriffe lebensverbessernd auf den Patienten einzuwirken, ihm dadurch mehr Lebensqualität zu schenken«, erklärt Dr. Rudolf Arnrich. (Zum Beispiel erfolgt eine Tumorentfernung an lebenswichtigen Organen - ohne dabei jedoch den Krebs vollständig heilen zu können. Anm.d. Red.)
»Die beste Unterstützung und Fürsorge ist es«, verdeutlicht Dr. Ruddolf Arnrich, »wenn die Familie den Menschen auffängt, ihm Halt gibt. Man sollte sich Hilfe suchen und auch offen über seine Krankheit sprechen. Und vielleicht gemeinsam mit der Familie Wege finden, um die Lebensqualität beizubehalten oder sie zu verbessern, trotz Krankheit. Grundsätzlich sollte sich ein jeder einmal mit dem Tod auseinandersetzen.«
Wo es um den Tod geht, findet man vor allem auch Lebensfreude und Hoffnung. Manchmal da, wo man es vielleicht am wenigsten vermutet… Dr. Rudolf Arnrich berichtet: »Meist nehmen die Patienten ihr Schicksal an. Man hört immer wieder, dass diese Menschen das Leben plötzlich anders sehen, als sie es je zuvor gesehen haben. Sie entdecken wunderbare Dinge in der Natur und so manche Beziehung bekommt Aufwind, gestörte Beziehungen werden nicht selten sogar wieder in Ordnung gebracht.
« Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zuviel Zeit, die wir nicht nutzen. (Lucius Annaeus Seneca)
»Ich habe immer wissen wollen woran ich bin! Ich bin ein Kämpfertyp und ich war es schon immer.« Kraftvoll ballt Rudi Engel seine Fäuste zu kampfbereiten Waffen, während er diese Worte spricht. »Depressiv werden, alles in sich hineinfressen… Nein! Ich wollte nie aufgeben!«
Sein eiserner Wille - aber auch seine gute Kondition verblüfften die Ärzte und Schwestern im Krankenhaus.»Man staunte, wie ich das körperlich alles wegsteckte. Ich hatte so eine gute körperliche Verfassung, dass ich alle Chemotherapien und Bestrahlungen erhalten konnte. Ich glaube, meine täglichen Übungen, mein Frühsport, die 30 Liegestütze und die regelmäßigen Fahrradtouren haben mir sicher dabei geholfen, das so gut durchzustehen.«
Nur den eigenen Kopf zu überlisten war anfänglich schwer.»Die ersten Wochen haben mich Albträume geplagt. - Man wacht auf und die Träume verfolgen einen wochenlang. Und doch habe ich im Krankenhaus Schlaf- und Beruhigungsmittel stets abgelehnt. Ich wollte da allein durch! Und ich bin stolz auf mich, dass ich das geschafft habe.«, erklärt der frühere Lehrer und Studienrat nachdrücklich. »Einst habe ich in meiner Arbeit selbst Kindern und Eltern beigestanden. Das hat mir wohl auch dabei geholfen mit der Situation zurecht zu kommen. Wenn man ausspricht, was einen bewegt, dann ist einem gleich viel wohler.«
Die Krankheit anzunehmen ist das Wichtigste, empfindet auch Rudi Engel: »Ich habe erlebt, dass andere Menschen aufgeben, die zusammengebrochen sind, nur noch geweint haben. Mir war bewußt: Du kannst dem Krebs nicht davonlaufen. Mein Bestreben war es, es allein da durch zu schaffen. Ich habe meinen Ärzten vertraut und auch selbst etwas dafür getan. Geholfen hat mir dabei sicher, dass ich zu keinem Zeitpunkt Schmerzen oder Atemnot durch meine Erkrankung hatte, so wie es jedoch viele andere erfahren müssen.«
Etwas mehr als ein Jahr ist seit der Diagnose Lungenkrebs vergangen. Zurückblickend weiß der 71jährige, dass seine Prognose damals schlechter hätte kaum sein können. Und doch, so berichtet er uns, zeigen seine regelmäßigen Kontrollen und Untersuchungen inzwischen Ergebnisse, die den heute so strahlenden Mann sehr zufrieden machen: »Die Ärzte sagen, wenn man fünf Jahre nach der Behandlung keinen neuen Krebs entdeckt, wäre ich geheilt. - Ich habe vor meiner Krankheit gesagt: Ich werde Hundert! Jetzt meine ich, ich schaff das vielleicht nicht… Jetzt werde ich 98! - Das habe ich mir zum Ziel gesetzt!« lacht Rudi Engel.
Er schreibt eigene Gedichte und Geschichten, wie auch seine Zeilen über sein Erleben mit der Krankheit Krebs. Beim 11. Erfurter Federlesen im September will der 71jährige mit seinen Zeilen vielen weiteren Menschen Mut machen für die Zukunft. Rudi Engel selbst schaut stets nach vorn.
Ob er noch Wünsche hat, fragen wir ihn… »Ich habe meine Familie, die Wohnung, meinen Computer, Bücher zum Lesen. Gesund zu bleiben, das ist ein Wunsch - möglichst noch lange.« Er lacht: »Naja und vielleicht ein Sechser im Lotto…. «
