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In
gemütlicher Runde sitzen die Bewohner des evangelischen
Pflegeheims beisammen. In ihrer Mitte haben sich die kleinen
Besucher aus der Kindertagesstätte positioniert und warten
gespannt, was heute wohl auf sie zukommt. Es ist
Donnerstagvormittag und wie jede Woche treffen sich Jung und Alt im
sogenannten Wohnzimmer, einem der Gemeinschaftsräume der
Pflegeeinrichtung, um miteinander gemeinsame Zeit zu
verbringen.
Heute wird gesungen! Die Mädchen und Jungen trällern Lieder und die Senioren steigen so gut sie können mit ein. Los geht es mit "Liebe Sonne komm herunter…", gefolgt von "Wenn alle Brünnlein fließen" und "Der Kuckuck und der Esel". Zuvor eher zurückhaltende Damen und Herren blühen auf, strahlen über das ganze Gesicht, klatschen in die Hände und wippen mit dem Kopf. Auch ein kleines Tänzchen wird gewagt. Die Kinder suchen sich ihre Tanzpartner und zum Lied "Brüderlein komm tanz mit mir" wird sich gedreht und mit den Füßen getrappelt.
Eine der betagten Damen liebt den Kontakt zu
den Kindern besonders, Gisela Göring. Sie ist 77 Jahre alt,
wohnt seit einigen Jahren hier im Pflegeheim und hat selbst keine
Angehörigen mehr. Umso größer ist die Freude, so
viele Kinder um sich zu haben. Die sechsjährige Emily Becker
strahlt über beide Wangen: »Heute hat uns Frau
Göring sogar abgeholt.« Annette Schuchardt,
stellvertretende Kindertagesstättenleiterin verrät:
»Zu Gisela Göring gehen alle Kinder gern. Sie schimpft
zwar auch mal. Aber wenn sie länger nicht gesehen wird, fehlt
sie den Kleinen auch. Die Kinder bauen eben auch Beziehungen zu den
Omas und Opas hier auf.«
Das wöchentliche Treffen ist für alle Beteiligten, insbesondere für die Kinder, eine Freude. Aber nicht immer wird gesungen. Die kleine Amelie Mühlenbruch schwärmt: »Ich finde Basteln und Märchen erzählen schön.« Manchmal lesen die Omas oder Opas aus der Pflegeeinrichtung nämlich Märchen vor. Die kleinen Zuhörer lauschen dann ganz gespannt und sind von den Geschichten gebannt.
Aber nicht nur
an besagten Donnerstagen begegnen sich die Bewohner des Pflegeheims
und die Kindertagesstättenbesucher. Einmal im Monat gibt es
den "Geburtstags-Feiertag", an dem alle Jubilare gemeinsam
feiern - Kinder, Senioren und Mitarbeiter. »Wir sorgen dann
für das kulturelle Programm und das Team von der Ergotherapie
kümmert sich um das leibliche Wohl«, erzählt
Annette Schuchardt. »Und wir basteln in den Gruppen auch
Einladungen, die unsere Senioren und Mitarbeiter von uns
bekommen.« Dann wird im Wohnzimmer oder im Betsaal gefeiert
und es gibt kleine Überraschungen. Die Kinder kommen aber auch
mit einem kleinen Ständchen am Geburtstag selbst zu Besuch und
wenn jemand nicht aufstehen kann, wird er eben am Bett
überrascht.
»Für unsere Bewohner, bedeutet es Lebensqualität. Alte Menschen haben Sorgen und Nöte, sei es weil sie krank sind oder sich manchmal allein fühlen. Und wenn ein Kind im Raum ist, braucht man nur in die Gesichter zu schauen. Das Lächeln auf den Lippen verrät die Freude«, erzählt Heimleiter Thomas Dewor. »Viele Familien wiederum haben die Großeltern nicht vor Ort und so freuen sich die Kinder über den Kontakt mit den älteren Menschen.«
Die kleinen Kindergartenbesucher lernen durch den alltäglichen Kontakt zu den pflegebedürftigen Heimbewohnern, mit dem Alt werden umzugehen und sich mit Krankheit auseinanderzusetzen. »Die Kinder machen bei uns wichtige Erfahrungen. Sie wissen, was es bedeutet pflegebedürftig zu sein oder im Rollstuhl zu sitzen.«, verdeutlicht Heimleiter Thomas Dewor. »Kinder lernen hier fürs Leben.«
Dieses Konzept beruht auf der langjährigen Tradition des Hauses und ist im Laufe der Jahre gewachsen. Nach der Gründung 1864 haben zehn Jahre später Diakonissen die Arbeit im "Augusta-Viktoria-Stift" Erfurt übernommen. Als Evangelische Mägdebildungsanstalt errichtet und durch eine Spielschule erweitert, ist das Haus schon nach dem zweiten Weltkrieg als evangelische Kindertagesstätte und Altersheim genutzt worden. Die 32 Einzelzimmer und vier Doppelzimmer bieten 40 Senioren mit der Pflegestufe 1 bis 3 genügend Platz in dem über 100jährigen Gebäude. In der Kindertageseinrichtung mit 164 Plätzen werden nicht nur Kinder ab zwei Jahren betreut, auch Klein- und Schulkinder bis zwölf Jahren sind willkommen. Hier im Hause des "Augusta-Viktoria-Stifts" ist der jüngste Besucher drei Monate alt und die älteste Bewohnerin der Pflegeeinrichtung hat gerade ihren 102. Geburtstag gefeiert. Unter einem Dach sind Generationen vereint. *benannt nach der letzten deutschen Kaiserin Auguste-Victoria