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Der sonderbare Weihnachtswunsch meiner Frau

Eine hinreißende Weihnachtsgeschichte mit einem ganz anderen Blick auf das Fest der Liebe, geschrieben von Dagmar Mayer…

Wir lieben unser Dorf, unser Häuschen, die Menschen, die hier in Frieden und in guter Nachbarschaft leben. Und wir sind ein glückliches Ehepaar. Kurz vor Weihnachten versäume ich nie, meine Frau nach einem besonderen Wunsch zu fragen. Meistens wehrt die Gute bescheiden lächelnd ab, verschwindet in der Küche, wo sie geheimnisvolle Weihnachtsvorbereitungen trifft. Der elektrische Backofen scheint Eifersuchtsgefühle in mir zu wecken.

"Na, wie ist es mit dem diesjährigen Weihnachtswunsch?", frage ich meine Angetraute. Ein vielsagendes Lächeln, und sie beschäftigt sich, ohne aufzublicken, mit dem Kuchenteig. Nach einer Pause, in der ich im Geiste all ihre im letzten Jahr geäußerten Wünsche Revue passieren lasse, antwortet sie langsam: "Diesmal habe ich einen besonderen Wunsch. Ich möchte am Heiligen Abend mit dir spazieren gehen ….". Ich mache ein nicht gerade sonniges Gesicht. "Aber das ist doch kein Weihnachtswunsch!" wage ich einzuwerfen.
"Doch!" behauptet sie schelmisch und ich warte neugierig auf weitere Erläuterungen. "Wir besuchen einige Leute im Dorf." "Ja, bist du denn nicht gescheit, Frau! Doch nicht am Weihnachtsabend!" "Eben gerade! Lass mir die Freude und sag' schon ja!" Und ich sage ja. Sie gewinnt meistens.

Der Heilige Abend ist da. Wir bestaunen unsere kleinen Geschenke, hören die leise Weihnachtsmusik und ich öffne den Rotwein. Meine Hedi verschwindet in die Küche. Ich gehe ihr nach. Auf der Eckbank stehen drei prall gefüllte Einkaufskörbe mit hübsch verschnürten Päckchen und ein grüner Tannenzweig lugt jeweils über den Korbrand. "Was um Himmels Willen ist das?", frage ich etwas entgeistert. Hedi lacht: "Das Gepäck für unseren Spaziergang!" "Willst du wirklich jetzt …..?" Sie will. "Hier ist deine Pelzjacke. Und nun komm endlich!" Sie hängt mir zwei Körbe an die Arme; den dritten trägt sie selbst. Eigentlich akzeptiere ich Überraschungen. Ihre kindliche Freude steckt an. Ich gehorche und liebe sie, wie damals am ersten Tag vor fünfzig Jahren.

Wir schlagen den Waldweg ein. Hedi zeigt wortlos in den klaren Sternenhimmel, stapft neben mir durch den frischen Schnee und freut sich. "Zuerst besuchen wir Förster Landau. Der gute Alte hat bestimmt keinen Weihnachtsbaum. Dabei stammen alle Weihnachtstannen, die heute in den Stuben stehen, aus seinem Wald." Wir klopfen. Der Alte staunt nicht schlecht, als er uns erkennt. "Kommt in die warme Stube…!" Meine Hedi stellt wie selbstverständlich einen der Körbe auf den Tisch, baut die kleinen Päckchen auf, wickelt selbstgebackene Weihnachtstaler aus dem Papier und sagt: "Fröhliche Weihnachten, und dass Sie noch recht lange unseren schönen Wald hüten." Der Alte schweigt, zieht verlegen an seiner Pfeife, blickt verwundert auf den Tisch, der das Zimmer plötzlich weihnachtlich erscheinen lässt. Seine gütigen Augen blinzeln Hedi zu: "He, du bist wohl der Weihnachtsmann?" Sie lacht und hält die Kaffeebüchse hoch, "Das hier wird jetzt gut tun. Nehmen Sie ein Stück Kuchen dazu. Aber wir müssen jetzt weiter, Vater Landau!" Der Förster nickt zufrieden, begleitet uns zur Tür und wartet dort, bis wir zwischen den schneebedeckten Tannen verschwinden. Ich hab gesehen, wie er sich mit dem Ärmel seiner Wattejacke über die Augen wischte.

Den zweiten Korb setzen wir auf den Stufen des alten Leuchtturmes ab und betätigen den schweren Türklopfer. Oben öffnet sich das Lukenfenster. Eine tiefe Seemannsstimme hallt aus der Höhe zu uns herunter: "Heho, wer da?" "Der Weihnachtsmann!" rufe ich und das Fenster klappt zu. Schritte schlurfen. Die Tür knarrt. Suchend blickt der bärtige Wärter ins Dunkel. "Nanu, wo seid ihr denn??" Aber wir sind schon wieder verschwunden, sehen jedoch, wie er den Korb hereinnimmt und murmelt: "Eine richtige Weihnachtsüberraschung! Sieht ganz nach Schlaraffenland aus!" Hedi hakt sich bei mir ein. "Er ist nun schon zwanzig Jahre auf dem ausgedienten Turm. Er hat ihn gekauft. Früher fuhr er zur See. Dann passierte der schreckliche Unfall, die Sache mit dem Bein. Seither blinkt er nur noch für die Touristen. Und er spinnt tüchtig seinen Seemannsgarn. Hin und wieder dürfen sogar die Kinder auf den Turm. Klammheimlich natürlich!" Ich wundere mich, woher Hedi das alles weiß.

Wir schlendern über die Dünen. Der Wind zerrt an unseren Kleidern. Hier pfeift er viel stärker als unten im Dorf. Im letzten Haus des kleinen Ortes wohnt die Gemeindeschwester, die schon lange Rente bezieht, aber immer noch Sprechstunden abhält. Der Arzt aus der Stadt kommt nur zweimal pro Woche. Manchmal warten die Babys hier nicht, bis die jungen Mütter in der städtischen Klinik ankommen. Die alte Schwester Agnes hat schon vielen Kindern auf die Welt geholfen. Sie schickt niemanden fort, der an ihre Tür klopft. Mancher bekommt von ihr ein Kräutersträußchen oder Trockenblumen oder eingeweckte Waldbeeren. Wir betreten den niedrigen Hausflur. Das hübsche Häuschen ist so klein, dass ich das Schilfdach berühren kann. Wenn tagsüber hier die Sonne scheint, ganz gleich, ob Sommer oder Winter, hat Agnes ihr eigenes Paradies. Als sie jetzt aus der Stube tritt, fragt sie sogleich besorgt und etwas burschikos: "Na, was habt ihr angestellt? Die Finger mit der Wurst verwechselt? Schnitt- oder Brandwunde?" Lachend wehren wir ab und Hedi übergibt den Korb. "Nehmen Sie das bitte Schwester Agnes! Es ist nur eine Winzigkeit gegen all das, was sie für uns alle im Dorf getan haben! "Und ein gesundes Fest wünschen wir Ihnen", füge ich etwas unbeholfen hinzu und drücke ihr die Hand.
Agnes äugt in den Korb, zieht ein buntes Umschlagtuch heraus. "Das soll für mich sein?" "Natürlich!", antwortet Hedi, "Sie haben's doch immer eilig, wenn die Kranken rufen. Und bei der Kälte muss sogar eine Krankenschwester vorbeugen…..!" "Oh, die leckeren Plätzchen!" Agnes schiebt sich eins davon in den Mund und drückt Hedi in den Sessel. "Trinkt eine Tasse Kaffee mit mir, Kinder! Ich hatte in den letzten Jahren nie Besuch am Weihnachtsabend…" Sie sieht plötzlich traurig und müde aus. Wir können nicht abschlagen, als wir dann ihre Freude sehen.

Später gehen wir schweigend auf unser Haus zu. Bevor wir eintreten in die wohlige Wärme, dreht sich Hedi auf der Schwelle der Haustür um und fragt leise: "Findest du meinen Weihnachtswunsch immer noch komisch?" Antwort erwartet sie nicht. Und ich denke nur: Warum haben nicht alle Herz und Verstand wie meine Hedi…..?

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