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»Ich fühle mich nicht als Verlierer. Ich sehe, dass die Stadt etwas verliert mit dieser Fehlentscheidung«

(Wolfgang Tolksdorf)

Der Wettbewerb um die größte und strittigste Baugrube der Landeshauptstadt ist bereits entschieden. Das berühmte Erfurter Loch - der Hirschgarten - soll endlich "gestopft" werden und zwar im Sinne des Bauvorhabens der Sieger - ganz nach Berliner Architekturkunst. Der Gewinnerentwurf, der bis vor ein paar wenigen Wochen noch im Erfurter Rathaus hing, ruft nun Kritiker auf den Plan und sorgt bei manchem Erfurter für verärgertes Kopfschütteln.

Wäre es nach dem gegangen, was im Gästebuch zur Ausstellung im Erfurter Rathaus eingeschrieben wurde, würde heute ein anderer Entwurf der Sieger sein: Der Senkpark vom Architekten Wolfgang Tolksdorf. Allein 70 von insgesamt 110 Besuchern, die sich in das Buch eingetragen haben, stimmten für sein Modell. Gerade einmal 14 Stimmen entschieden für den heutigen Sieger. Auch wenn Wolfgang Tolksdorfs Entwurf nicht in den offiziellen Wettbewerb um den Hirschgarten geschickt werden konnte, gewann die architektonische Idee, die zum Wettbewerbszeitpunkt als einzige, plastisch anzusehen in 3D im Rathaus stand, die meisten Herzen der Erfurter. Und wäre es mit "rechten Dingen" zugegangen, meinen die Anhänger des gebürtigen Erfurters, hätten sich die Erfurter Stadträte ganz so wie die Leute im Gästebuch frei für einen der 25 Entwürfe entscheiden sollen, ohne der Vorgabe ihrer Fraktionen Folge leisten zu müssen…

»Ich habe Erfurt seinen Barockgarten zurückgeben wollen.« Nachdenklich steht Wolfgang Tolksdorf vor seinem Entwurf, den er nun in seinem Wohnzimmer aufbewahrt und erklärt: »Ich habe geplant, den eigentlichen Hirschgarten wieder als Barockgarten zu gestalten, wobei das Wasserbecken das verbindende Element zum "Senkpark" ist. Am tiefsten Punkt des Senkparks soll eine Springbrunnenanlage mit zwölfeinhalb Meter Durchmesser entstehen. Um den Brunnen herum führen ein zweieinhalb Meter breites Staudenbeet und ein vier Meter breiter Weg.« Der 79 jährige deutet mit dem Zeigefinger auf die einzelnen Punkte seines Entwurfs, während er weiter beschreibt: »Auch eine Bühne für Konzerte und Aufführungen, phantastische Möglichkeiten für Modenschauen - beispielsweise durch einen Treppenaufgang - habe ich geplant.« …und nimmt uns mit seinen Worten und Ausführungen mit auf Reisen durch seinen in Deutschland einmaligen Senkpark!

Sattgrüne Pflanzen ranken sich entlang rund um den Park in der Senke, an den Wänden wächst wilder Wein und eine herrlich grüne Wiese beruhigt die vom Alltag müden Augen. Vogelgezwitscher erklingt aus den acht Tonsäulen, die sich dezent in das Gesamtensemble inmitten der Beete einfügen, während Kinder fröhlich auf ihrem Spielplatz zwischen Senkpark und Barockgarten toben. In den unterirdischen Räumen unterhalb der Regierungsstraße spielen ältere Herrschaften Karten und entfliehen somit der heißen Nachmittagssonne. Andere entspannen nach ihrem Einkaufsbummel durch die Erfurter Innenstadt auf der zentralen Rundelementebank, die sich um den Brunnen einladend erstreckt und nur durch die Wege unterbrochen wird. In der Mitte speit eine anmutig, nahezu gläsern wirkende Pusteblume Wasser.

Wolfgang Tolksdorf reißt uns aus unseren Gedanken:»Insgesamt habe ich weit mehr als 100 Sitzplätze in der Umsetzung geplant.«, sagt er mit Bestimmtheit und spielt auf einen der Schwachpunkte des Siegerentwurfs an, welcher selbst zum Flanieren in seinen Park einlädt - ganz ohne Sitzelemente. »Wer wird denn gut angezogen durch die Stadt spazieren gehen, um sich anschließend in einem Park auf eine Wiese zu setzen oder gar zu legen? Ich frage Sie, welche Frau oder ältere Dame würde dies tun? Für so etwas müssen Sitzplätze geschaffen werden!«, gibt der ehrgeizige Architekt zu bedenken. Und es sind noch mehr Dinge, die dem Unruheständler unverständlich bleiben nach Betrachten der Entwürfe, die die Jury überzeugen konnten. »Wie Sie vielleicht wissen, gab es für diesen Wettbewerb vom Stadtplanungsamt Auslobungsunterlagen, die von den Wettbewerbsteilnehmern hätten berücksichtigt werden sollen. Meiner Meinung nach hat auch die Jury diesen Maßstab beim Wettbewerb jedoch letztlich nicht angelegt. Das wiederum bedeutet aus meiner Sicht, dass der Wettbewerb eindeutig verfehlt wurde. In sämtlichen Entwürfen gibt es keinen Kinderspielplatz, keine Bühne und auch viele andere Dinge sind nicht von den Teilnehmern angedacht worden. - Und trotzdem hat man einen ersten Platz ausgelobt und auch den zweiten und dritten.«

Ob die Stadt mit der zukünftigen Hirschgartenumsetzung wirklich nicht nur ihre eigenen Vorstellungen umgesetzt wissen will, anstatt den Wünschen der Bürger zu entsprechen, ist für viele die große Frage. Der Vorsitzender des Westlichen Wachhaus e.V. Erfurt, der Architekt Dr. Anselm Räder, hält die Umsetzung des Gewinnerentwurfs für eine, wie er sagt, ahistorische Entscheidung, allein aus stadtteilhistorischen Überlegung heraus. »Ich sehe diese ganze Sache als Interimslösung an. Ich selbst sehe nichts im Rhythmus von fünf Jahren Legislaturperiode und halte die Verfüllung für keine gute Idee. Der Entwurf von Wolfgang Tolksdorf hat für mich den Vorteil, dass er ein etabliertes Provisorium ist, von dem alle Leute wissen, dass es nur auf Zeit ist. Die Wunde bleibt, auch wenn sie gepudert ist. Das Zukippen und Rasen draufmachen kommt mir eher wie ein Friedhof für den Standort vor. Es gibt unterschiedliche Interessenlagen. Die Stadtregierung und das Parlament möchten das Problem loswerden. Andere und auch ich selbst möchten das Problem im Bewusstsein behalten.«

Wolfgang Tolksdorf fürchtet vor allem um die Schönheit und Nutzbarkeit des Hirschgartens. Es wäre schade, fände der Entwurf der Berliner Architekten tatsächlich Umsetzung, da sich, wie er meint, rein gar nichts am Platz vor der Staatskanzlei ändern würde. »Es bliebe tatsächlich alles so, wie es ist.«, sorgt er sich. Einzig der eigentliche Hirschgarten* soll ein neues Gesicht erhalten. »Auf die 12.000 Quadratmeter große Fläche kommen allein 7.000 Quadratmeter Asphaltdecke und Plattenweg! Lediglich 5.000 Quadratmeter sollen begrünt werden.«, erklärt der ehemalige Projektleiter der Reichsbahn, der um die Gesamtplanung und die Konzeptumsetzung des Hirschgartens besorgt ist. Wen wundert es, dass dem "Arbeiter am Zeichenbrett", wie er sich selbst bezeichnet, letztlich auch noch eine große klaffende finanzielle Lücke am Gewinnerkonzept aufgefallen ist?

»Der Siegerentwurf ist mit 1,3 Millionen Euro angegeben. Vergessen wurde bei dieser Berechnung jedoch die Verfüllung mit rund 25.000 Kubikmeter Erde in Höhe von 600.000 Euro. Somit würde die Umsetzung des Entwurfes insgesamt 1,9 - also fast 2 Millionen Euro kosten!«, gibt Wolfgang Tolksdorf zu bedenken. »2.500 LKW-Fahrten aus und in die Stadt mit Lärm und Verschmutzung sind für diese Erdverfüllung notwenig, 45.000 Liter Dieselkraftstoffe würden dabei in der Stadt verbrannt. Dies schadet zudem der Umwelt. Ich persönlich lehne die Erdverfüllung ab. Für eine Umsetzung meines Entwurfes bedarf es keiner 25.000 Kubikmeter Erde! Ich wollte Erfurt mit dem Senkpark etwas Einmaliges schaffen! Doch so scheint die Chance dafür vertan. Viele Menschen, die meinen Entwurf gesehen haben, sind sich sicher, wie schön er ist und wie gut er Erfurt getan hätte!«, verdeutlicht uns der Senior, dessen Herz ganz besonders für sein Erfurt schlägt. Und doch scheint dem Thema Hirschgarten mit dem erwählten Siegerkonzept ein Ende gesetzt.

Kampflos will Wolfgang Tolksdorf den Berliner Architekten den Einzug in den Hirschgarten zwar nicht gewähren, jedoch kann wohl einzig die Erfurter Bevölkerung durch Proteste den geplanten Bau verhindern, zum Beispiel, wenn im April die Verfüllung erfolgen soll, die alle Träume von einem Senkpark im wahrsten Sinne unter sich begräbt. Da ist das wunderbares Fleckchen Erde, welches sich Wolfgang Tolksdorf auf seinem Grundstück auf 2.000 Quadratmeter selbst eigenhändig geschaffen hat, auf dem es grünt und blüht, eine willkommene Oase - für den Mann, der Erfurt etwas Einmaliges geschenkt hat: Die Idee zum Senkpark. Freunden und Neugierigen steht sein Garten gern offen.

Wer das Modell vom Senkpark für Erfurt vom Architekten Wolfgang Tolksdorf noch einmal betrachten möchte, ist vom passionierten Gärtner persönlich herzlich zum "Tag des offenen Gartens", am 08. Juni 2008 zu sich eingeladen. Der ein oder andere wird die Gelegenheit haben, mit ihm persönlich ins Gespräch zu kommen.

Kontakt:
Wolfgang Tolksdorf
Sonnenweg 24
99092 Erfurt

* Der Hirschgarten selbst war in der Vergangenheit immer bebaut gewesen. Die bekanntesten Gebäude an der Stelle, wo heute die Baugrube ist, waren einst u. a. die Gaststätte Himmelreich und Foto Schneider. Der Hirschgarten ist also nicht, wie oft gedacht, der Platz direkt vor der Staatskanzlei, sondern direkt daneben.

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