Der Schokoladen-Professor
Eine herzergreifende Geschichte mit besonderen Erkenntnissen zum Thema Mann, geschrieben von Dagmar Mayer. - Man muss sie einfach mögen…
Sie wissen ja, ich bin eine Süße. Auch noch mit 60!
Den Morgen beginne ich mit heißer Schokolade (natürlich
mit Sahnehäubchen!) und einem Blick in die Zeitung. ´Die
Annonce ist klein, aber fein´, sage ich mir und lese das
winzige Ding gleich noch mal: "Akademiker (Historiker, Autor,
Verleger), 60, 1,80 m, literarisch und kulturell interessiert,
reisebegeistert - sucht aufgeweckte Partnerin". Die Stimme
meiner besten Freundin Jule spukt durch den Raum: "Riskier doch mal
´n Auge auf die Rubrik Bekanntschaften! Oder willst´e
ewig deine Schokolade alleine schlürfen? Auch ein blindes Huhn
findet mal ´n Korn!" In Sachen Liebe liegt Jule mir
ständig in den Ohren: "Wie kannst du nur ohne Lover leben? Ist
doch total out!" Aber mir ist schnuppe, was längst out
oder gerade in ist.
Ich
nehme die Schere und schnipple die Annonce aus. Klingt gut.
AKADEMIKER: bestens. Man will ja keinen Dummen. HISTORIKER: prima.
Der kann sicher Geschichtchen erzählen. AUTOR, VERLEGER,
LITERATUR, KULTUR: passt, könnte nützlich sein. 60 - na
ja, da kommt mancher erst richtig in Fahrt. 1,80 m: dem reiche ich
gerade bis zur Brust, da kann er mir sehr effektvoll die Stirn
küssen. REISEBEGEISTERT: Weihnachten überrascht er mich
mit einem Urlaubstrip in die Südsee, hula hula aloahe! Meine
Fantasie fährt Achterbahn. Das Hirn sendet filmreife Bilder
vor mein geistiges Auge. Die Vorstellungen reichen von kugelrund
bis spindeldürr. Wenn der Knabe nun Raucher ist? Dann wird er
sofort ins Aus katapultiert! Hat er noch volles Haar,
möglichst grau meliert?! Vielleicht zeigt er ja auch ganz
anderen Qualitäten. Meine rosarote Brille macht's
möglich: ich sehe mich neben ihm in einem knallroten Cabriolet
über rote - ach, nein, grüne! - Ampeln flitzen. Wie war
das? Verleger! Autor! Wir fahren beim Verlagsdirektor vor und holen
das fette Honorar für seinen letzten Bestseller ab. WELTOFFEN:
sehr gut. Welt ist prima und offen ist vielversprechend.
Genug der Träume, auf zu Taten! Anrufen! Ich tippe, die
Kakaotasse in der linken Hand, mit rechts die Telefonnummer ein.
Stille. Eine sonore Männerstimme schmeichelt sich in meinen
Gehörgang. Kühn falle ich mit der Tür ins Haus und
sage: "Sie suchen eine Herzdame? Ich kann Ihnen vielleicht eine
vorstellen. Es gibt gemeinsame Interessen - und so'n Annoncen-Date
hat doch etwas Spannendes. Einen Autor oder Verleger würde ich
gerne mal näher betrachten. Vielleicht beim Kaffee - oder
besser bei heißer Schokolade?" Pause. Danach ein kurzes
Hin- und Her-Fragespiel. Der Herr Akademiker lässt mich den
Treffpunkt wählen. Ich nenne mein Lieblings-Café im
Stadtzentrum von Erfurt. "Dort gibt es auch Parkplätze. Es ist
leicht zu finden.", sage ich vorsorglich. Er dankt: "Sehr gut,
aber ich komme mit dem Zug - aus der Nachbarstadt. Ich besitze gar
kein Auto." Himmel, denke ich, kein Auto! Wie fährt der
dann zu seinen Dienstorten, zum Verlag, zu den Messen, zu
Empfängen, zu seiner Liebschaft oder in Urlaub? "Mein Zug
kommt gegen zwölf. Würden Sie mich vom Bahnhof
abholen?" "Natürlich", stottere ich etwas konfus,
"und wie erkennen wir uns?" Sein Lachen klingt herzlich: "Ich
werde SIE erkennen, gnädige Frau! Rotes Haar - das ist doch
nicht zu übersehen! Ich trage eine dunkle Freizeitkutte, einen
roten Schal, eine Aktentasche und eine
Ernst-Thälmann-Mütze! Übrigens, wenn ich das sagen
darf: Ihre Stimme klingt schon am Telefon sehr
erotisch…"
Mir wird ein bisschen heiß. Ist wohl der Kakao. Die Tasse hab
ich immer noch in der Hand. Auf dem weißen Telefontischchen
leuchtet ein übergeschwapptes braunes Schokoladen-Kleckschen.
"Nur keine Vorschußlorbeeren", danke ich, lege den
Hörer auf und beginne sofort mit den Vorbereitungen zum Date.
Eine gewisse Aufregung bemächtigt sich meiner nun doch. Der
nächste Morgen beschert mir einen sonnigen Herbsttag. Das Date
kann nicht schief gehen. Ich habe an alles gedacht, das volle
Programm absolviert: Kosmetik, Frisör, Sauna, klassisch-legere
Anzugsordnung und meinen Glücksstein in der Tasche. Selbst
Freundin Jule ist zufrieden.
Der Zug
fährt pünktlich ein. Auf dem Bahnhofsvorplatz tippele
ich, verdeckt von großen Kübelpflanzen, gemächlich
hin und her. Die ersten Reisenden strömen aus der
Eingangshalle. Ein leuchtend roter, ellenlanger Schal signalisiert:
da kommt er! Ich starre den Mann an, der hocherfreut geradewegs auf
mich zusteuert. Ein Gedankenblitz fährt mir in die Kniekehlen:
Maximilian Schell im eleganten roten Seidenschal… Und jetzt
das hier: ein Bild für die Götter! Die weiten Hosenbeine
der blauen Stoffhose schlabbern lässig um zwei lange,
dürre Männerbeine, die in hellen Schuhen stecken. Ein
orangefarbener Schlips ziert das graue Flanellhemd. Ein
Strickwestchen im Waffelmuster umspannt die Brust. Die braune Kutte
ist an den Ellenbogen mit zwei Lederherzen verstärkt, die
allem einen gewissen Halt verleihen. Über den buschigen
Augenbrauen wölbt sich das Schild der
Ernst-Thälmann-Mütze. Darunter ragt eine klassische
Maik-Krüger-Nase hervor. Mit elegantem Schwung befördert
Herr Akademiker sein Prunkstück von abgeschabter, ausgebeulter
Aktentasche von einem unter den anderen Arm und drückt mit
beiden Händen meine zarte, gepflegte Rechte, die leise
knirscht und knackt. "Ich bin Professor Süßkind! Nun,
Verehrteste, vertraue ich mich ganz Ihrer Führung an." Er
lacht und zeigt die großen, gelben Zähne.
Wir gehen die wenigen Schritte bis zu meinem Lieblings-Café.
Ich darf ihm die Tür öffnen, hänge meinen Mantel
selbst an die Garderobe und rücke mir den Stuhl zurecht. Die
Kellnerin bittet um unsere Bestellung. Wir sagen beide wie aus
einem Munde: "Heiße Schokolade" und ich ergänze:
"meine bitte russisch und mit Sahnehäubchen." So eine
kleine Stärkung habe ich nötig. Er mustert mich
unverhohlen. "Wunderbar, dass Sie auch Süßes
mögen!" Mein wachsames Auge ruht auf seinen Händen.
Hände verraten einiges. "Und Sie sind also ein
Schokoladen-Professor?" bemerke ich lakonisch, während
ich im Geiste schon den Fluchtplan schmiede. Akademiker
Süßkind startet derweil eine hektische Suchaktion und
befördert aus der dunklen Tiefe der antiquierten, abgewetzten
Aktentasche einen Stapel Zeitungsausschnitte, Fotos und einige
Bücher ans Licht und häuft alles auf den kleinen Tisch.
"Ich habe Ihnen was mitgebracht. Meine letzten literarischen
Arbeiten. Das hier können Sie dann gerne alles
mitnehmen", strahlt er mich an und stapelt weiter emsig sein
Wissen auf den kleinen Caféhaus-Tisch. Ich denke:
´Jetzt! Jetzt holt er die Pralinen oder ähnliches aus
der Versenkung…! ´Ach, weit gefehlt! Er offeriert mir
begeistert seine Veröffentlichungen der letzten 10 Jahre und
hält mir einen Vortrag über Forschungsergebnisse seiner
Reisen.
Meine leere Schokoladentasse gähnt mich an. Nach einer Stunde
- in der ich kaum zu Wort komme - gebe ich der Kellnerin
verzweifelt, aber dezent ein Zeichen. Sie tritt an unseren Tisch.
"Die Herrschaften möchten zahlen?" Ich nicke und warte.
Der Schokoladen-Professor wühlt beflissen zuerst in den
Papieren auf dem Tisch, greift dann in seine Hosentaschen, in die
Innentaschen des Jacketts, nestelt an der Aktentasche und murmelt:
"Nächste Woche halte ich einen Vortrag in der Uni. Wenn Sie
kommen wollen…?" Ich schweige, schiele auf die Rechnung,
reiche der Kellnerin einen - meinen! - Schein und sage: "Danke,
stimmt so." Der Professor lächelt. "Oh, danke für
die Schokolade." Er klopft sich ein paar Fusseln von der Hose.
Inzwischen angle ich meinen Mantel vom Haken und ein Herr vom
Nebentisch hilft mir galant hinein.
Als wir das Café verlassen, stolpert mein
Schokoladen-Professor förmlich durch ein farbenfrohes
Blumenmeer. Rosen stecken in großen Bodenvasen; der
benachbarte Blumenladen hat sie dekorativ auf dem Bürgersteig
ausgestellt. Mein akademisch dekorierter Kavalier stakt durch die
duftende Pracht und ruft entgeistert: "Aber… ich habe ihre
Telefonnummer oder die Adresse noch nicht!" "Wozu?" rufe
ich zurück und springe in die gerade haltende
Straßenbahn.
Zwei Wochen später fahre ich mit Freundin Jule in den
Bayrischen Wald, ins Wellness-Wochenende. Wir haben viel Spaß
und treten am Sonntagabend relaxt die Heimreise an. Als wir an der
Rezeption auschecken, steht neben uns ein Hotelgast und fragt nach
Herrn Professor Süßkind. "Der Herr Professor ist noch
oben. Zimmer 210. Seine Rechnung wird gerade erstellt",
antwortet der junge Angestellte beflissen und lächelt
freundlich. Meine Freundin Jule lächelt auch. Sie zuckt mit
keiner Wimper, als sie sich ein wenig vorneigt und dem Manager
Einblick in ihr tiefes Dekolleté gewährt und
säuselt: "Unsere Rechnung, mein Lieber, geht auf Zimmer
210."
