Hurra, ich bin alt!…Jawohl!…oder doch nicht "Hurra?"
Ich denke nach und denke nach. Eines steht felsenfest.
Ich lebe noch gern, ich finde das Leben schön, ich finde das
Leben interessant - auch jetzt noch im Alter.
Ich möchte noch ein Weilchen mitmachen, ich möchte mich
noch aufregen, möchte verhindern, dass ständig an den
Grundfesten der Gerechtigkeit gerüttelt wird, Bewegen im
Grossen kann ich nichts mehr, das habe ich versucht, der Macht der
Regierenden bin ich nicht gewachsen. Im Kleinen helfen das geht
noch, das will ich noch möglichst lange tun.
Wie steht es mit der Rente? Gut, die kassiere ich schon seit 1983
und - da mag mancher Leser staunen - ich habe deswegen nicht mal
ein schlechtes Gewissen. Zur Trümmerfrauengeneration
gehörend, habe ich sie mir verdient, alle haben wir sie uns
verdient! Was die Alten geleistet haben, davon muss ein extra Buch
gefüllt werden… aber wen interessiert das schon!
Trotzdem: Hurra, ich bin alt! Wohl dem, der es werden kann, das
Alter hat viele schöne Seiten. Von den althergebrachten
Freuden mit den Enkeln und Urenkeln will ich nicht reden und dem
locker sitzenden Portemonnaie.
Wir Alten haben den großen Vorteil, dass wir alle Phasen des
Lebens kennen. Man mag es uns nicht zu trauen, aber auch wir waren
jung, auch wir hätten so manches Mal die ganze Welt umarmen
können! Schöne, kostbare Jahre mussten unter dem Krieg
zwar geopfert werden, trotzdem, die Zeit heilt auch die tiefsten
Wunden.
Jetzt im Alter meine ich, auf einem hohen Berg zu stehen und sehe
sie alle sich mehr oder weniger unter mir plagen. Manchmal
möchte ich mich den Kraxlern zurufen: "Warum macht ihr das
denn so?" Aber was soll`s, jede Generation will ihre eigenen
Fehler machen. Nur nicht aufdrängen, denke ich. Wenn mich
jemand um Rat fragt, dann sage ich meine Meinung, wenn nicht, ist
es mir auch recht.
Was ist es nun, was mich so "beschwingt", zufrieden und
dankbar macht? Ganz genau weiß ich es nicht. Es ist
vielleicht deshalb, weil die richtige große Verantwortung auf
die nächste und übernächste Generation abgegeben
wurde. Dass man alles, was man tut, mehr oder weniger freiwillig
erledigt und das zu erledigende Pensum selbst abgrenzt.
Also, es bleibt dabei - mit den altersbedingten, gesundheitlichen
Einschränkungen…
Hurra, ich bin alt!
Ihre Ruth Piehler
