Was haben Platanen, Adam Ries und Willy Brandt gemeinsam…?
…auf den ersten Blick nichts, aber Roland Büttner
machte es dennoch möglich, das Unvereinbare in einer
Führung um und durch die Bauten des Erfurter Bahnhofs zu
verbinden. Der Erfurter Stadtführer und Reiseleiter Roland
Büttner ist für seine besonderen und vor allem auch
themenübergreifenden Führungen bekannt. Von der
Ökologie bis hin zu historischen Persönlichkeiten und
Ereignissen der Stadt über Führungen mit sportlichem
Ansatz, ob per Nordic-Walking oder Rad - der Erfurter weiß
seinen Gästen eine Vielzahl spannender Erzählungen auf
abwechslungsreiche Art zu
berichten.
98 Platanen zählen neben den fünf Felsenbirnen zu den wenigen Bäume, die auf dem großen Bahnhofsvorplatz in Erfurt aufzufinden sind. Dass der Willy-Brandt-Platz nicht gerade als grüne Oase bezeichnet werden kann, liegt an der Tiefgarage, die direkt unter dem Platz errichtet worden ist und deren Betondecke keine Begrünung ermöglicht. Adam Ries, der in diesem Jahr 450. Todestag hat, musste der Pflanzenkunde selbst nicht mächtig sein, denn er war ein Meister der Mathematik. So erklärt uns Roland Büttner das Rechnen nach Adam Ries noch nebenbei, indem wir die Anzahl der Bäume zwar ohne Rechenbrett, aber mithilfe von auf den Boden gezeichneten Kreidestrichen summieren und die sonst gebräuchlichen Rechenpfennige, wie Ries sie einst nutzte, schlicht durch uns als Personen ersetzen.
Unser Ausflug beginnt also auf dem Bahnhofsvorplatz, wo im Jahr
1847 Erfurts erste Eisenbahn entlang fuhr. Der Name
Willy-Brandt-Platz verweist bereits auf das ganz besondere
Highlight dieser Führung, das die noch ahnungslosen
Teilnehmenden gleich zu Beginn erwartete. »Sie sind nicht die
Ersten, die diesen Raum betreten«, lächelt Roland
Büttner geheimnisvoll, als er die Tür zum öffentlich
nicht zugänglichen Willy-Brandt-Zimmer öffnet. »Am
19. März 1970 gab es hier großen Besuch«,
erklärt der Stadtführer weiter. »Die Journalisten
haben hier an diesem Tag auf spektakuläre Bilder gewartet und
sollten nicht enttäuscht werden.« Und tatsächlich
hatten sich die Menschen an diesem Datum zu Tausenden auf dem
Erfurter Bahnhofsvorplatz versammelt, um für wenige Sekunden
den damaligen Bundeskanzler der BRD am Fenster stehen zu sehen.
Heute sind nur noch die Tür sowie Tür- und Fensterrahmen
dieses Raums im Originalzustand, so wie sie der Regierungschef
sehen konnte, vorzufinden. Natürlich endet auch unser heutiger
Überraschungsbesuch im Willy-Brandt-Zimmer des ehemaligen Haus
Kossenhaschen - dem heutigen Erfurter Hof - nicht, ohne einen Blick
aus dem berühmten Fenster auf das Bahnhofsgebäude
geworfen zu haben, wo sogleich die Führung weitergehen
wird.
Der neue Erfurter Hauptbahnhof, in Zahlen betrachtet, regt durchaus zum Staunen an: die Kosten für den Um- und Neubau belaufen sich auf 260 Millionen Euro, das Bahnhofsgebäude hat eine Fläche von rund 3.000 Quadratmetern, die Gleisanlage ist von einem 154 Meter langem Hallendach bedeckt und die durchfahrenden Züge dürfen eine Geschwindigkeit von 100 km/h nicht überschreiten. Aber nicht das Jonglieren mit Zahlen steht im Vordergrund dieser Führung. Neben der Geschichte des Bahnhofs will Roland Büttner, der stets mit seiner Spendenbox für das Kinderhospiz anzutreffen ist, unsere Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die ein gesunder Mensch im Alltag häufig übersieht.
So
gehen wir der Frage nach, wie ein blinder oder sehbehinderter
Mensch den Bahnhof erlebt. Schließlich muss man sich mit
einer Sehbehinderung nicht nur auf seine anderen Sinne sondern auch
auf eine baulich gut durchdachte Konstruktion der öffentlichen
Räumlichkeiten in einem modern gebauten Bahnhof verlassen
können. So wurden im gesamten Gelände Blindenleitlinien
sowie Aufmerksamkeitsfelder angebracht, die als Bodenplatten mit
Rillen oder Noppen erkennbar sind. Diese müssen durch das
Ertasten mit dem Blindenstock all das ersetzen, was in der Regel
mit den Augen wahrgenommen wird. Damit wird das Leitsystem also zur
wichtigsten Orientierungshilfe eines blinden Menschen im Bahnhof.
Umso unangenehmer ist die Tatsache, dass sich bei unserer
Führung bereits die Suche nach den Toiletten mittels dieser
Linienführung als schwierig erweist und sogar ein Abfalleimer
direkt auf den Blindenleitlinien aufzufinden ist! Der Bahnhof als
großes öffentliches Bauprojekt muss natürlich den
Ansprüchen vieler Menschen genügen.
Ein großes Dienstleistungsangebot ist somit ebenfalls auf
den Flächen des Hauptbahnhofsgebäudes entstanden, welches
nun Raum für verschiedene Geschäfte bietet. »Wenn
sich am Sonntag noch unerwartet Besuch anmeldet und die Annerose
noch dringend einen Tortenboden braucht, dann bekommt sie den hier
auch «, lobt Stadtführer Roland Büttner die
sonntäglichen Öffnungszeiten einiger Geschäfte am
Bahnhof. Zu möglichen Einkaufsangeboten kommt auch noch eine
gute Eingliederung des Hauptbahnhofs in den städtischen
Nahverkehr, die sehr lobenswert ist. Denn alle 90 Sekunden
hält am Bahnhof ein Bus oder eine Bahn. Somit kann der
Reisende zumindest durch die Nutzung öffentlicher
Verkehrsmittel trockenen Fußes in die Stadt kommen. Bei einer
An- bzw. Abreise mit dem Auto oder dem Taxi bleibt für den
Reisenden hingegen nur die Möglichkeit, auf Sonnenschein zu
hoffen - es sei denn man bestellt den Taxifahrer in die Tiefgarage. Zwar gibt es
inzwischen erfreulicherweise einen Haltestreifen gegenüber des
Bahnhofs in der Schillerstraße, von dem man jedoch nicht
direkt in das Hauptgebäude gelangen kann, weil der Zugang von
dort über die Brücke ausschließlich als Fluchtweg
angelegt ist. Die Sicherheit im Bahnhof für die rund 35.000
Reisenden pro Tag ist hingegen durch rege Polizeipräsenz
gewährleistet. Und dennoch befürwortet Roland
Büttner eine noch fehlende Rundumvideoüberwachung von
öffentlichen Plätzen wie dem Erfurter Bahnhof, denn
dadurch könne so manche Katastrophe - von der Kofferbombe bis
zur Gewalttat - wie Erfahrungswerte zeigen, vermieden oder aber
schneller aufgeklärt werden.
Unsere Führung beendete Roland Büttner oberhalb der Gleise stehend, mit Blick auf den Erfurter Hof mit einer Anekdote zu den Räumlichkeiten, in denen sie begonnen hat: »Der Erfurter Hof ist selbst auch ein sehr geschichtsträchtiges Gebäude«, berichtet er. »So schrieb im Jahr 1926 Harry Domela, der falsche Prinz, der sich als preußischer Adel ausgab und hier wie die Made im Speck lebte, einst in Erfurt Geschichte.« Mit leeren Händen haben auch die Führungsteilnehmer das Bahnhofsgelände nicht verlassen. Denn zum Abschied gab es für jeden eine kleine Lebensweisheit und Waidsamen als Geschenk, die ein weiteres Lächeln auf die Gesichter zauberten. Doch auch für Roland Büttner und seine abermals einmaligen und stets besonderen Führungen gab es ein Dankeschön: Eine großzügige Spende in seine Geldbox - bestimmt für das Kinderhospiz, dass unserem Stadtführer besonders am Herzen liegt.
Wer eine der besonderen Stadtführungen aus dem umfangreichen Repertoire mit Roland Büttner erleben möchte, wende sich gern direkt an den engagierten Reiseleiter: Tel. 0361 6463981
Wissenswertes
Die Mystik der Kranzleuchter "in der Guten Stube Erfurts"
Mit Zahlen kann man nicht nur Rechnen, man kann sie auch nach ihrer Symbolik und Bedeutung interpretieren. Roland Büttner hat seine Aufmerksamkeit dabei auf die Kranzleuchter gerichtet, die den Willy-Brandt-Platz erhellen, und ist auf interessante Zahleninterpretationen gestoßen. Es gibt drei Kranzleuchter auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz. Die Zahl Drei ist die Zahl der Vollkommenheit, die besonders in der Religion eine zentrale Rolle spielt: die heilige Dreifaltigkeit, drei Tage bis zu Christus Auferstehung sowie die drei theologischen Tugenden - Glaube, Liebe und Hoffnung - sind beispielhaft dafür. Natürlich gilt auch außerhalb der Welt des Glaubens, die Redewendung »Aller guter Dinge sind drei.«
Des Weiteren verweist Roland Büttner auf die zwölf Leuchten, die jeder Kranzleuchter hat. Denn die Zahl Zwölf entspricht der Anzahl der Stämme Israels, der Apostel, der Tages- und Nachtstunden, der Monate des Jahres sowie der zwölf Sterne auf der Europaflagge. Die Liste der numerologischen beziehungsweise zahlenmystischen Erscheinungen ließe sich noch ohne weiteres Fortsetzen, aber vielleicht fällt Ihnen bei Ihrem nächsten Besuch des Erfurter Hauptbahnhofs selbst die ein oder andere besondere Zahlenkombination auf, hinter der sich eine tiefere Bedeutung verbergen könnte.
