»Wenn hier eine Geschichte erzählt wird, ist es
unmittelbarer, emotionaler.«
Wenn Andrea Hesse über ihren Lebensweg im Theaterhaus in
Jena spricht, muss sie oft lachen, wenn Sie die zahlreichen
Erinnerungen wieder aufleben lässt an manch nette Anekdote und
kleines Missgeschick. Doch zwischen ihre Fröhlichkeit mischt
sich auch Nachdenklichkeit, wenn die engagierte Theaterkennerin
turbulente Zeiten Revue passieren lässt…Über eine
Geschichte, die nicht nur die Theaterlandschaft in Jena
prägte, sondern auch die Reflexion einer ganzen Stadt
ist.
Im großen Theatersaal lichten sich die
Plätze. Soeben ist eine Premiere am Theaterhaus Jena zu Ende
gegangen. Während die Schauspieler und Theatermacher
begeistert die erfolgreiche Uraufführung feiern und von
überall her fröhliches Gelächter ertönt, nimmt
sich Andrea Hesse Zeit für uns, um uns ihre Welt des Theaters
zu zeigen. Auf wackeligen Holzbrettern, die die Lichtstrahlen der
Scheinwerfer durchscheinen lassen, stehen wir hoch oben auf einer
Rampe, die uns einen Blick auf Zuschauerplätze und Bühne
gewährt und zugleich aber auch die Sicht hinter den Eisernen
Vorhang und die Bühnenkulissen preisgibt. »Hier oben ist
mein Lieblingsplatz.«, verrät Andrea Hesse. »Wenn
das Haus leer ist, dann hört man den Wind, der sich hoch oben
im Schnürboden fängt. Die Atmosphäre hier ist
einfach schön.«
Und mit dem Blick nach unten gewandt beschreibt sie: »Der
Eiserne Vorhang den Sie hier sehen, ist die Schnittstelle zum
Zuschauerhaus, welches es heute nicht mehr gibt. Im Januar 1987 hat
der Stadtrat das Zuschauerhaus des Theaters abreißen lassen,
eigentlich um dem Wunsch nach einem Theaterneubau Nachdruck zu
verleihen. Doch leider erfolglos.« So habe das Theaterhaus
Jena bis zum heutigen Tag kein eigenes Zuschauerhaus, gibt Andrea
Hesse Einblick in die Geschichte. »Unter diesen
Umständen müssen wir uns eben auf den wenigen Platz
beschränken, den wir haben und uns mit dem Gegebenheiten
arrangieren. Und das bedeutet, dass die Zuschauersituation immer
auch ein Bestandteil des Bühnenbildes ist.«,
erklärt die Theaterexpertin weiter.
Die
Podesterie könne man stets neu bauen und nicht immer
würde für das Publikum nur Stühle als
Sitzgelegenheit genutzt. Diese könnten zuweilen gegen
Gartenstühle und -bänke getauscht werden, je nach Bedarf.
Dass so manches neue Bühnenbild bereits auf dem schmalen Platz
hinter dem Vorhang aufgebaut wird, während auf der Bühne
noch ein ganz anderes Stück spielt, versteht sich unter diesen
Umständen von selbst, wie auch der Gedanke daran, dass
überhaupt viel gewerkelt und improvisiert werden müsse
hier am Theaterhaus.
Andrea Hesse schmunzelt: »Mit der Hinterbühne versuchen
wir, für die Zuschauer Tiefe zu erzeugen und es besteht die
Möglichkeit, ganze Bühnenbilder verschwinden zu
lassen.« Erklärt's und nimmt uns mit auf den Weg zur
kleinsten Bühne des Hauses, während sie anfängt
munter über die Theatergeschichte plaudert…
»Es gab Tausend Ideen um hier in Jena ein Theater zu
schaffen.«, beginnt Andrea Hesse ihre kurze Geschichtsreise.
So erfahren wir, dass das Theaterhaus, so wie wir es heute erleben
können, nie in nur einem Zuge gebaut wurde: 1878 hat es das
erste feste Theatergebäude in Jena gegeben, gestiftet vom
Comerzienrat Köhler, dem damaligen Besitzer der Rosenbrauerei
in Jena. Das sogenannte "Köhlersche Theater" wird in
dieser Zeit als Liebhabertheater gehandelt. Mit Ende des ersten
Weltkriegs wird jedoch der Ruf nach einem neuen Theater laut. So
beauftragt man 1903 Walter Gropius mit der Neugestaltung des
Theaters. Der Umbau des Hauses im Jahre 21/22 beschränkt sich
aus Geldmangel jedoch lediglich auf die Fassade. Trotz des regen
Widerspruchs innerhalb der konservativen Fraktion des Stadtrats
überdauert der damals ungeliebte Bau unangetastet die
Nazi-Zeit. Doch nach einem erneuten Umbau im Jahre 1948 bleibt von
der Bauhaus-Fassade nichts erhalten. Eine weitere Renovierung folgt
1956.
Bis in die sechziger Jahre hinein wird das Theater
schließlich unter dem Namen "DNT Weimar, Haus Jena"
ein fester Spielort des Weimarer Theaters, bis letztlich 1965 die
Stadt Jena das Theater übernimmt. Trotz allem wird es in
dieser Zeit weiterhin Nebenspielort des Weimarer Theaters, sowie
anderer Thüringischen Bühnen bleiben. Nach dem besagten
Abriss des Zuschauerhauses 1987 wird die Ruine erst 1989 wieder als
wichtiger Spielort von Künstlern in Besitz genommen, wenn auch
als bestehendes Provisorium. Und mit einem eigenen Ensemble kann
das heutige Theaterhaus Jena erst seit 1991 vor Ort aufwarten.
Doch
nicht nur rein äußerlich ist in den vielen Jahren
einiges passiert, auch im Hausinneren schlummert wahrlich
Geschichte. Allein im kleinsten Theatersaal, den das Theaterhaus
beherbergt, stecken viele wunderbare Erinnerungen. So war die
winzige Spielstätte, die neben, im besten Falle, 50
Zuschauerplätzen auch eine einzigartige Atmosphäre
bietet, einst die Garderobe des Damenchores mit Schminktischchen
und allem Drum und Dran. »Bis 1989 wurde dieser Raum so von
den Damen rege genutzt. Wir nennen ihn den Malsaal«,
verrät Andrea Hesse und erklärt, das der Name des Raumes
jedoch nichts, wie sich jetzt vermuten ließe mit dem
Zurechtmachen der Damen und des Farbe ins Gesicht zaubern zu tun
habe. »Vielmehr wurden einst an diesem Ort Hänger
für das Theater gefertigt, die hier ihren Anstrich
erhielten.«
Heute bietet der Malsaal kleineren Kammerstücken, wie dem
derzeitigen "großen Fressen" hier Raum für
Bühnenkunst. Und dieses ist es in jedem Falle wert, gesehen zu
werden, verspricht die 49-Jährige: »"Das
Großes Fressen" wird bei uns es als Live-Hörspiel
aufgeführt. Man sieht also die Geräuscherzeugung. Dieses
Schaffen geht hinein bis ins Absurde. So erzeugt beispielsweise
eine Porree-Stange perfekte Peitschengeräusche und ein
Kaugummi dient zum Schmatzgeräuschemachen.«
Ein weiterer Abstecher führt uns zu einer dritten Bühne
unterhalb des großen Theatersaals und vervollständigt
damit die bespielbaren Möglichkeiten des Hauses für die
rund 35 Mitarbeiter des Ensembles, von denen gerade einmal acht
Schauspieler sind. Kunst und Theater wird im Theaterhaus Jena auf
vielfältigste Art und Weise geboten; ob als reines Schauspiel,
als Kammerstück, Schwarzlichtkunst, Bühnenunterhaltung
mit musikalischer Umrahmung des Orchesters der Philharmonie oder
gar zum alljährlichen Höhepunkt: Dem Sommerspektakel im
Rahmen der Kulturarena in Jena. Doch auch Andrea Hesse selbst hat
hier am Theaterhaus ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen.
So ist die heutige Öffentlichkeitsarbeiterin mit ihren noch
jungen Jahren bereits ein echtes Urgestein am Theaterhaus.
Theaterwissenschaften habe sie studiert und schon immer eine
Leidenschaft für die Bühnenkunst gehabt, sinniert die
gebürtige Suhlerin. »Ich habe dafür nicht nur den
Weg ins benachbarte Meiningen zum Theater auf mich genommen, ich
bin sogar bis nach Berlin gefahren, um Theater zu
erleben.«
Als
sie nach ihrem Studium der Theaterwissenschaften nach Jena ans
Theater kam, hatte sie sich zunächst als Ankleiderin um die
Kostümierung der Schauspieler gekümmert. »Die
Kleidungsstücke mussten immer so bereitliegen, dass die
Künstler sofort und gut hineinschlüpfen konnten. Bei
manchem Kleid waren vor allem die vielen Häkchen eine echte
Herausforderung.«, lacht Andrea Hesse fröhlich und gibt
folgendes kleine Missgeschick preis: »Es ist schon einmal in
einem Weihnachtsmärchen ein Gespenst im wahrsten Sinne schwarz
geblieben. Die Lämpchen, die sich unter dem schwarzen
Tüllgewand befanden und in Reihe geschaltet waren, sind leider
ausgefallen. Und bei einer Reihenschaltung ist es nun einmal so,
dass wenn ein einziges Lämpchen nicht mehr brennt, alle
anderen auch nicht mehr leuchten.«
Und auch heute erzählt jeder einzelne Tag viele kleine
Geschichten nicht nur auf der Bühne. Grund genug, um als
Zuschauer hin und wieder selbst einmal ein bisschen Theaterluft zu
schnuppern. Doch gerade ältere Generation scheint es nur
selten nach Jena zu ziehen, wenn es um den Besuch im Theaterhaus
geht. Andrea Hesse weiß: »Es gibt viele Vorurteile
gegenüber unserem Haus. Ob es die Annahme ist, wie würden
nur etwas für junge Leute anbieten oder die Unzufriedenheit
darüber, dass einst das Zuschauerhaus abgerissen wurde und
somit das Theaterhaus Jena in mancherlei Augen kein richtiges
Theater ist.« Dabei stehen neben kindgerechten und modernen
auch zahlreiche erwachsenengerechte Stücke auf dem Plan.
Ebenso wie Theaterführungen die dazu einladen sollen, von
früher zu plaudern und das Theater neu zu entdecken.
»Schließlich«, so betont Andrea Hesse »ist
Theater einfach eine ummittelbare Kunst. Bei einem Film ist das
Kunstereignis längst schon geschehen. Er kommt ohne den
Kontakt zwischen Darsteller und Publikum aus. Hier am Theater ist
die Atmosphäre, die zwischen beiden Parteien besteht
unmittelbar. Wenn hier eine Geschichte erzählt wird, ist es
unmittelbarer, emotionaler.«
