» Ein sehr lebendiger Hof
Ursula Galle verwirklicht auf dem Hof ihres Wohnblocks in der Auenstraße, in der Nähe des Nordparks, ihre ganz persönliche Vorstellung von einem grünen, naturbelassenen und ökologischen Stückchen Erde…
Schon vor sechs Jahren hat sie begonnen, einen Teil des Hofs zu
gestalten. Sie hat uns eingeladen, ihre Idee vom immergrünen
Schattengarten kennen zu lernen.
»Eines wollte ich nicht, ständig neue Blumen pflanzen
und alles unnatürlich und geleckt aussehen lassen«,
erklärt die 69-jährige und ihre Augen strahlen dabei.
Ursula Galle wünscht sich, in ihrem Hof eine immergrüne
Fläche zu schaffen, auf der nicht nur im Frühjahr und
Sommer ein paar Blumen stehen, sondern das ganze Jahr über
etwas blüht und grünt. Dabei steht für sie der
ökologische Aufbau des Gartens im Vordergrund.
So wuchern auf ihrem geliebten Fleckchen im Hof Efeu, Farne, Immergrün, kleine Eiben und Schneeglöckchen, um nur einige Beispiele aus der Fülle der Pflanzenpracht zu nennen, die wir an diesem noch immer recht frischen, wenn auch sonnigen Februartage entdecken. Und trotz der winterlichen Temperaturen grünt und blüht es hier auf ganz besondere Weise anmutend ruhig in dezenter Schönheit.
Jedes liebevoll gepflanzte Gewächs hier hat seine eigene Geschichte und einige interessante kommen sogar von allein: »Ich habe eine Pflanze, die ist mir zugewandert und weil die so schön bizarr aussieht, habe ich sie eingepflanzt«, schmunzelt Ursula Galle. Bei ihren Reisen durch Deutschland entdeckt die agile Dame, deren Gemüt nie zur Ruhe zu kommen scheint, immer wieder kleine Schätze. »Die Farnpflanzen gab es im Sonderangebot in Halstenbek bei Hamburg, der Stadt der Baumschulen.«,Die Dekosteine hat sie eigenhändig an der Ostsee eingesammelt.
Zweifelsohne steckt sehr viel Arbeit in dem Hofstück. Der
Boden war jahrezehntelang festgetreten und tot. Auch nach der
Sanierung des Hofes wollte unter den Bäumen kein Gras wachsen.
Aber Frau Galle war bewusst, dass es auch unter Bäumen
grünen und blühen kann. Ihre Liebe gilt dem
Schattengarten. Dafür bekam sie von der Geschäftsleitung
des Spar- und bauvereins die Genehmigung - und drei Säcke
Kompost. Ursula Galle hat Walderde und Kompost besorgt und das
Stück mühevoll mit einem breiten Hammer liebevoll neu
bepflanzt.
Die Verwendung von Torf lehnt sie strikt ab. Mit dem Abbau von Torf
werde der Umwelt geschadet, Pflanzen und Tieren der Lebensraum
genommen und das biologische Gleichgewicht des Moores gestört
wird mit der Folge der Klimaveränderung, verdeutlicht die
Naturliebhaberin. Wenn auf den Tüten "Blumenerde"
drauf steht, ist noch lange keine drin. Die deklarierten
"nachwachsenden Rohstoffe" sind meist Torfe, die einen
Millimeter pro jahr wachsen, gibt Ursel Galle zu bedenken. Aber
auch Anwohner des Hofes stört das nicht, wie man leider an den
braunen Beetflächen sieht.
Die Torferde aus den Blumenkästen der Nachbarn "recycelt" sie mit dem saftigen Unkraut im Frühjahr mithilfe von Effektiven Mikroorganismen (nach HIGA) innerhalb weniger Monate. Das entstandene Substrat wird dann wieder auf dem Hof verteilt. So ist in den sechs Jahren nicht nur ein immergrünes Stück entstanden, sondern auch ein ökologisch wertvoller Bereich, den inzwischen selbst manch Nachbar zu schätzen weiß. Aber, Gartenfreunde werden es wissen, ein Garten ist nie fertig und braucht ständig Pflege.
Nicht nur dass im Sommer gegossen werden muss, auch im trockenen Wintern brauchen Nadelgehölze und Wintergrünes Wasser. So hat Ursula Galle schon etliche Liter Wasser aus dem vierten Stock in ihren Hof hinausgetragen. Nach eigener Einschätzung hat sie schon Hunderte von Stunden auf ihrem Hof verbracht und die Bepflanzung größtenteils selbst organisiert und finanziert. Die Samen von Mohn, Akelei und Fingerhut sammelt sie, manchmal sogar aus verlassenen Gärten in ihrer Nachbarschaft und züchtet neue Zöglinge heran, die sie dann wieder anpflanzt. Am liebsten würde sie auch das Unkraut stehen lassen, damit es für ihre Schattengewächse wie den Farnen Sonnenschutz bietet. »Ich mache mir eine Arbeit, damit ja keine Pflanze weggeschmissen wird«, lacht Ursula Galle und verrät weiter: »Ich schneide möglichst keine Samenstände ab, auch selbst wenn sie verblüht sind, es könnte ja noch etwas Wundervolles herauskommen.«
Im Gegenteil. Ursula Galle pflanzt selbst gegenüber am Hang
verblühte Zwibelgewächse wie Hyazinthen und auf den in
ihren Augen unliebsamen Wegen vor ihrem Wohnhaus in der
Auenstraße bis in die Stadt hinein kleine
Blütenbestände. An einigen Stellen stecken somit
Frühblüher unverhofft ihre Köpfchen heraus und
erfreuen neben Urusla Galle auch einige aufmerksame
Spaziergänger, die sich an dieser überraschenden
Blumenpracht erfreuen. »An etwa fünf Stellen habe ich
gerade wieder Schneeglöckchen und Krokusse gepflanzt.
Grüßen Sie mir diese, wenn Sie nachher daran
vorbeigehen«, lockt sie uns, auf ihren Wegen zu wandeln und
Erfurt mal eine andere Art Besuch abzustatten.
Während Ursula Galle selbst immer wieder versucht, ihre
Heimatstadt hier und da ein Stück weit aufblühen zu
lassen, ärgert die engagierte Pflanzenliebhaberin, dass ihr
Erfurt immer weiter "zersägt wird". »Erfurt hatte
so schöne große Bäume«, bedauert sie,
»darf denn kein Baum mehr so wachsen, wie es ihm eigentlich
zusteht? Warum muss man denn diese prachtvollen Gewächse ihrer
herrlich ausufernden Baumkronen berauben auch wenn sie weitab vom
Autoverkehr wachsen? Kein Pirol kommt mehr zum Nordpark. Die Kronen
werden von zweigen entleert, in denen früher Vögel nisten
konnten. Wo einst herrliche Bäume standen, findet man immer
häufiger nur noch eine Ansammlung von Stöcken.«
Betroffen stellt die agile Dame fest: »Es sieht bald aus wie
im Westen, so wie ich es auf den ersten fahrten dorthin
wahrnahm.« Ursula Galle zeigt selbst Initiative, sie
engagiert sich im Bürgerbeirat und reicht immer wieder
Vorschläge und eigene Entwürfe zur Begrünung der
Stadt Erfurt ein.
Die Seniorin hat auch schon Pläne für dieses Jahr
"ihren Garten", wie sie den wunderbaren grünen Fleck in
ihrem Hof nennt, noch weiter zu verschönern: »Einen
winterblühenden Strauch namens Schneeball würde ich gerne
neben dem Müllkäfig pflanzen. Er wird bis zu zwei Meter
hoch und hat duftende dunkelrosa Blüten. Wenn man
schließlich die unliebsame Aufgabe hat, den Müll runter
zu bringen, ist es doch schön, wenn es dort herrlich
duftet.« Danach müsste eine kornelkirsche blühen.
Sie gehört einfach auf jeden großen Hof als erstes
Bienenfutter.«
Schon jetzt entdecken wir Christrosen im vielfältigen
Farbspiel, die im Dezember angefangen haben zu blühen, direkt
neben den zarten Schneeglöckchen. Märzenbecher, Krokusse
und Glockenblumen werden hier bald als neue blühende Pracht
folgen. Unsere Augen schweifen über den dunkelgrünen
Efeu, der ein gutes Stück des Bodens bedeckt bis hin zum Gras
im zarten grünen Gewand, am anderen Ende. Dazwischen finden
sich verschiedene Stauden und Sträucher, die sehnsüchtig
auf den Frühling warten. - Eine kleine grüne Oase
zwischen Wäscheplätzen und Fahrradständern inmitten
eines Hinterhofs in der Auenstraße. - Zum Abschied gibt uns
Ursula Galle noch einen Tip: »Im März kann man auf
Duftsuche im Thüringenpark gehen. Am Einkaufszentrum hinten
hinaus Richtung Wasserachse steht ein großer
Schneeballstrauch, fast ohne Laub, aber mit den wunderbar duftenden
Blüten.« Wir bedanken uns und halten unsere Nasen und
Augen offen.
Haben auch Sie ein kleines geliebtes grünes Fleckchen Erde, welches sie hegen und pflegen, einen prachtvoll blühenden Balkon oder ein wunderbar grünes Wohnzimmer? Dann schreiben Sie uns an: Redaktion "60plusminus", Juri-Gagarin-Ring 68, 99084 Erfurt oder per Email: 60plusminus@email.de
