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30.000 Knoten für einen Herrengürtel

Hühner gackern, weiter ist nichts zu hören. Es ist kalt, der Wind geht mäßig. Die löchrigen Straßen sind links und rechts von älteren und neueren Einfamilienhäusern begrenzt. Sie alle sind mit viel Grün und von relativ großen Gärtchen umgeben.

Die Ruhe in diesem kleinen Ort - Altschöndorf bei Weimar - wirkt auf mich als Stadtmensch ungewohnt, fast befremdlich und erinnert mich an öde und langweilige, verregnete Kindertage in meinem Heimatdorf. Vieles hier ist neu, das meiste jedoch stark ländlich, verfallen und trist. Diese provinzielle Ruhe hier ist wirklich auffällig. An der Ecke zur Alten Bahnhofstraße steht ein Haus, das schon von außen Gemütlichkeit und auch das gewisse Rustikale dieser Gegend ausstrahlt. Hier wohnt, lebt und arbeitet Martina Zimmer - eine Frau mit einer ungewöhnlichen Gabe: Sie hat für sich vor etwa 13 Jahren die Handwerkskunst des Hitchens - zu Deutsch des Rosshaarflechtens - entdeckt.

Heute lebt sie von dieser textilen Tradition und von ihrer weiteren Leidenschaft für Stauden- und Steppenpflanzen, die sie als Kultivare für Dachgartenbesitzer oder Gärtner verkauft, die die pflegeleichten Gewächse schätzen. Davor war die 44jährige in verschiedenen Bereichen tätig, die ihr aber nie das geben konnten, was sie sich am meisten wünschte - eine Tätigkeit, die mit ihrer Bewunderung und ihrem Respekt vor der Natur und den Lebewesen in Einklang zu bringen war. »Ich fing an, mir darüber Gedanken zu machen, als ich damals in der LPG die "Broiler" eingefangen habe, die flatternde Beute in den engen Käfigen ertragen musste.«, erzählt die dunkelhaarige Frau mit nachdenklichem Blick.

Zur Flechtkunst kam die Weimarerin über einen Bericht in der Zeitung, welcher von Maria Sabine Schmidt aus Nürnberg handelte, die sich wiederum vor mehr als 20 Jahren von einer amerikanischen Fachzeitung für das Kunsthandwerk begeistern ließ, das sie in Amerika genauestens studierte und anschließend als erste Hitcherin nach Deutschland brachte. »Ich habe Maria dann geschrieben, dass ich das unbedingt auch lernen will, wartete über ein Jahr auf Antwort und schickte ihr schließlich wieder eine Postkarte - am selben Tag, wie sie mir auch endlich geschrieben hat…«, erzählt die sympathische Martina Zimmer. Eine Arbeitsanleitung von der Bayerin und mehrere Bücher - das waren die einzigen Lehrmaterialien für Martina Zimmer. Alles andere der hohen Kunst brachte sie sich selbst bei. In Amerika bei den "großen Lehrmeistern" selbst war sie nie.

Heute schafft die Flechtkünstlerin, je nach Muster, zwei bis fünf Zentimeter in der Stunde. Sie fertigt aus den Mähnen- und Schweifhaaren der Pferde Zaumzeug, Hundehalsbänder, Arm-, Haar- und Halsschmuck sowie Gürtel, Quasten und Fliegenwedel. Wichtig ist der Handwerkerin dabei, dass während der langwierigen Arbeit Stück für Stück etwas Individuelles, Einzigartiges und nichts Kopiertes entsteht: »Ich möchte für meine Tätigkeit nicht unbedingt bewundert werden. Ich will für mich eine qualitativ hochwertige Sache zu Ende bringen, also selbst damit zufrieden sein.« Ein bisschen sei das schon wie bei einem exzentrischen Künstler, ganz eigenbrötlerisch arbeite sie meistens, damit sie ungestört ist, um die volle Kreativität einfließen lassen zu können, erzählt sie schmunzelnd. Es ist für den Beobachter ohne Weiteres nachvollziehbar, dass gesunde und rheumafreie Gelenke eine Grundvoraussetzung für diese mühevolle Tätigkeit sind. »Maria hat sich ihre Gesundheit schon vermurkst, ich bin auf dem Weg dazu. Ich habe auch schon Schwierigkeiten mit den Gelenken und eine schlechte Haltung.« Doch in den letzten 13 Jahren lernte Martina Zimmer das Handwerk, das dem Weben ähnlich ist, von der Pike auf und wird es wohl nie wieder aufgeben.

Man benötigt für die Ausführung dieses Handwerk eine Aufhängemöglichkeit, zwei Kettfäden, Naturmaterialien zum Färben wie Zwiebel- oder Wallnussschalen und natürlich das Rosshaar. Hier gibt es jedoch große Qualitätsunterschiede und auch Abweichungen in den Farbnuancen. Eine selbst entwickelte Presse bringt der Hitcherin einen ausgeklügelten Vorteil, der sie nach eigenen Aussagen besser macht »als die Amerikaner.« Nach der Handarbeit an den meist von ihr entworfenen Flechtmustern befeuchtet sie das Werk, rollt es auf ihrem Küchenschrank mit vollem Körpereinsatz, befeuchtet es wieder, entfernt die letzten, herausstehenden Haare, biegt es über die Hand und presst das nun entstandene Textil auf ihre geheime Art und Weise bei 40° C, so dass eine große Stofffläche entsteht.

Zu Martina Zimmers Klientel zählen vor allem Händler, die sich einen gewissen Kundenstamm in den Geschäften halten können. Aber auch Privatleute und Unternehmen schätzen ihre Unikate sowie ein Hutbauer, dessen Western-Kopfbedeckungen ihre Bänder schmücken. Auf verschiedenen Märkten trifft man die Thüringerin zwar auch an, aber dazu hat sie eine geteilte Meinung. Sie erklärt uns: »Die Leute haben auf diesen Märkten und Volksfesten zwar immer Geld für Essen und Trinken, sind aber nicht bereit, die Mühe und die Arbeit, die in unserer Handwerkskunst stecken, zu schätzen. Und leider gibt es immer mehr in der Konkurrenz, die in das Hitchen nur mal reingeschnuppert haben und ihre Arbeiten mit niedriger Qualität und demzufolge preiswerter verkaufen. Das ruiniert unsere Preise.« Wenn sie von "unsere" spricht, meint Martina Zimmer die wenige Zahl von den deutschlandweiten Talenten, die das Rosshaarflechten nicht mehr nur als Hobby ansehen.
Ihre Kunst an einen Schüler weiterzugeben kann sich die begabte Frau nur vorstellen, »wenn es einer unbedingt will und hartnäckig ist. Dann kann er es auch lernen. Aber dazu muss auch viel in einem drin sein. Das ist wie bei einer Zelle und einem Virus. Die richtigen Andockstellen sorgen für ein Geben und Nehmen«, verrät die Künstlerin.

Der Respekt vor sich selbst, die persönliche Entwicklung und das Selbstbewusstsein und -vertrauen, hinter den, mit den eigenen Händen gefertigten, Arbeiten zu stehen, seien der persönliche und erstrebenswerte Lohn für diese zeitintensive Tätigkeit. Und so sind es auch eher solche Werte, an denen sich die Besitzerin von sechs süßen Kätzchen orientiert und die auch zu ihrem Lebenstraum gehören: »Die Respektlosigkeit vor dem Tier, wenn die verschwinden würde, alle sich gegenseitig und auch selbst ein bisschen mehr achten, mehr Toleranz üben würden und gelassener und bescheidener sein könnten, das wäre mein Traum.« Auch wenn, so traurig wie es ist, Martina Zimmer sich häufig nur das Pferdehaar von geschlachteten Tieren leisten kann, möchte sie trotzdem den Wert dieser schönen Geschöpfe erhalten, indem sie nicht Besen oder Matratzen daraus fertigt, sondern mit ihrem Schmuck das Weiterleben des edlen Naturmaterials fördert und keinen kurzlebigen Modeartikel daraus fertigt.

Martina Zimmer
Alte Bahnhofstraße 1
99427 Weimar-Schöndorf
Tel. 03643 426249
www.designed-horsehair.de
  • Der Ursprung des Hitchens wird in Afrika vermutet, dort verarbeitete man das Pferdehaar zu Fliegenwedeln. Überliefert ist das zum Beispiel aus dem Sudan.
  • Die afrikanischen Sklaven brachten womöglich das Flechten nach Amerika. Es ist auch denkbar, dass die Spanier ihre Tradition des Rohhautflechtens mit nassen Händen in die USA brachten. In dieser Kunst des Lederflechtens findet man den typischen Schlag des Hitchens (mit Kette und Schuss).
  • Amerikanische Cowboys in Gefängnissen fertigten später Zaumzeug aus Rosshaaren. In den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Tradition soweit zurückgegangen, dass es nur noch die ehemaligen Häftlinge konnten.
  • Heute fertigen die sogenannten "Billiglohnländer" wie China, Ecuador und Kolumbien Flechtarbeiten mit ähnlicher Struktur aber minderer Qualität.
  • Die meisten, heute verwendeten Muster, sind indianische. Es gibt zudem traditionell amerikanische.
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