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Depression bedeutet nicht nur Traurigkeit

Die Krankheit der vielen Gesichter hat ihre Besonderheiten im Alter

Viele Studien belegen: Im Alter sind schwere Depressionen nicht häufiger. Laut Robert-Koch-Institut erkranken 8,1 % aller Menschen im Alter von 18 bis 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer Depression. Bei den 70 bis 79-Jährigen sind es 6,1 %. Und dennoch: Leichtere Depressionen oder solche, bei denen nicht alle Symptome vorliegen, sind zwei- bis dreimal häufiger bei Älteren zu finden. Ein Gespräch mit Dr. med. Stefan Dammers, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Katholischen Krankenhaus „St. Johann Nepomuk“ Erfurt.

Was ist eine Altersdepression?

Es gibt das eigenständige Erkrankungsbild der Depression, nicht das der Altersdepression. Das bedeutet, dass die Depression sich grundsätzlich in unterschiedlichen Lebensaltern in wichtigen Symptomen nicht wesentlich unterscheidet. Dennoch gibt es im Alter Besonderheiten. Oftmals gibt es zusätzlich körperliche Erkrankungen und der Leidenszustand, der durch die Depression verursacht wird, vermischt sich mit den durch die körperlichen Krankheiten verursachten Symptomen. Auch bei der Therapie ist dies zu berücksichtigen, besonders beim Einsatz von Medikamenten. In jedem Alter spielen zudem andere biografische Themen eine Rolle.

Werden Depressionen im Alter eher übersehen – falls ja, warum?

Manche psychische Erkrankungen werden im Allgemeinen erst vergleichsweise spät diagnostiziert, das gilt auch für Erkrankung des Affektes zu denen die Depression zählt. Ältere sind zudem häufig unter Bedingungen aufgewachsen, bei denen das eigene Wohlbefinden eher nachgeordnet war und andere Werte favorisiert wurden. Eine Generation, die eher geneigt ist, sich selbst viel abzuverlangen und sich wenig zu schonen. Da wird der Blick erst spät auf sich selbst gerichtet.

Wie kann sich eine solche Depression äußern?

Eine Depression kann viele Gesichter haben, das macht es eben schwierig. Traurig zu sein ist zwar ein zentrales Symptom, es kann aber auch ganz im Hintergrund stehen oder gar ganz fehlen. Eine Depression bedeutet meist, dass der Antrieb verlangsamt ist, die kognitiven Fähigkeiten wie z.B. die Konzentration erheblich gemindert sein können, das Denken verlangsamt und grüblerisch eingeengt ist. Aber auch körperlich gibt es eine Reihe von Symptomen: Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Schmerzen, Gewichtsverlust und vieles andere mehr.

Ab wann sprechen Sie als Therapeut überhaupt von einer Depression?

Einfach wäre es zu sagen, wenn ein Zustand vorliegt, der Leid verursacht. Tatsächlich ist die Diagnose aber schwer zu stellen. Es werden Symptome der Stimmung, des Interessen- und Freudverlust und des Antriebes benötigt. Zusätzlich spielt der Selbstwert, Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, manchmal auch Gedanken an den Tod, das Denken, die Konzentration, der Schlaf und die Psychomotorik und letztlich auch der Appetit eine Rolle. Aus der Kombination all dieser Faktoren wird dann die Diagnose gestellt und auch der Schweregrad zugeordnet.

Gibt es bestimmte Umstände, die im Alter besonders anfällig für eine Depression machen?

Das Alter macht uns leider für die Mehrzahl aller Erkrankungen empfindlicher. Die Fähigkeit einer Erkrankung körperliche Reserven entgegenzusetzen sinkt. Das Alter hat zudem besondere biografische Herausforderungen: Beruf und Familie sind auf dem Rückzug und neue Lebensinhalte zu finden stellt keine einfache Aufgabe dar.

Gibt es für ältere Patientinnen und Patienten eine spezifische Psychotherapie? Wird diese überhaupt angenommen?

Psychotherapeutische Methoden orientieren sich wie alle anderen Therapien auch am Wirknachweis. Psychotherapie wirkt und ist ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der Therapie einer Depression, unabhängig vom Alter. Die Annahme dieser Therapieform ist gut.

Können Depression und Demenz zusammenhängen?

Ja. Eine Depression kann klinisch exakt wie eine Demenz in Erscheinung treten ohne eine zu sein oder jemals zu werden. Wir sprechen dann von Pseudodemenz. Depression und Demenz treten aber auch vergesellschaftet miteinander auf, insbesondere zu Beginn demenzieller Erkrankungen. Eine schwierige Differenzialdiagnose, die viel Erfahrung benötigt.

Wie verhalte ich mich als Angehörige beim Verdacht auf eine Depression?

Es ist wohl wichtig zu unterscheiden ob ein Problem vorliegt, dass mit gut gemeinter Hilfe und Unterstützung zu bewältigen ist oder eine Krankheit. Wenn man jemanden gut kennt und weiß wie er tickt, sich Zeit nimmt, dann gelingt es auch diese beiden Zustände zu unterscheiden. Bei letzterem sollte man professionelle Hilfe suchen.

Dr. med. Stefan Dammers

Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Ihr Kontakt

Katholisches Krankenhaus „St. Johann Nepomuk“ Erfurt
Haarbergstraße 72, 99097 Erfurt
Telefon: 0361 654-1401

E-Mail: ppp-klinik-sekretariat@kkh-erfurt.de
Web: www.kkh-erfurt.de, www.pia-erfurt.de

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