Anzeige

Die Palliativstation des Katholischen Krankenhauses ist die erste, die vor 25 Jahren in Thüringen eröffnet wurde

Hier wird schwerstkranken Menschen geholfen, die nicht mehr geheilt werden können.

„Sie haben hier ein offenes Ohr, ein offenes Auge und ein offenes Herz“, sagt Christa M. über die Ärztinnen, den Arzt und die Pflegenden auf der Palliativstation des Katholischen Krankenhauses. Die 84Jährige ist zum zweiten Male hier. Ihre Schmerzen waren zu Hause einfach nicht mehr auszuhalten. Lungenkrebs im Endstadium. Jetzt, nur einige Tage später, haben die von der Palliativstation, also Dr. Kevean Mönchgesang und die Pflegenden und die Psychologinnen, sie wieder so gut einstellen können, dass sie sogar noch einmal nach Hause gehen kann. Wie lange? Das weiß niemand. Vielleicht sind es nur Tage. Aber vielleicht auch Wochen oder gar Monate. Sie weiß ja, geheilt werden kann sie nicht mehr. Und doch sagt die Frau, sagen auch andere auf dieser Station, dass es kaum einen Ort gäbe, an dem mehr gelacht würde. Es ist kein aufgesetztes Lachen. Aber wenn Frau M. beispielsweise sagt, dass sie schon seit ihrer Jugend gern auf große Männer höre, dann müssen Kevean Mönchgesang und Stationsleiterin Eva-Maria Kitsche und halt Frau M. los lachen. Lachen befreit. Auch jetzt. Was spielt es denn jetzt noch für eine Rolle, ob sie auf große Männer steht. Es ist einfach ein nettes Kompliment und die Erklärung, warum sie ihm, warum sie ihnen allen auf der Station so sehr vertraut.

Lachen kommt vor dem Sterben. Lachen geht bis fast zum Schluss. Vorausgesetzt, es gibt keine unfassbaren Schmerzen oder Luftnot oder Übelkeit. Genau dafür aber sind die zwei Ärztinnen, ein Arzt, 14 Pflegende und die beiden Psycho-Onkologinnen doch da: Lindern, wo nicht mehr geheilt werden kann. Palliativ heißt auf deutsch lindern. Und das geht immer – oder doch fast immer. Während der Frühbesprechung (die gibt es natürlich jeden Morgen) reden sie von jedem Menschen auf Station. Damit sie sich beraten können, wie der Frau oder dem Mann am besten während seiner letzten Lebenszeit geholfen werden kann. Einer zum Beispiel hat trotz des Morphins Schmerzen. Sie werden ihm auf andere Weise helfen. Eine hat seit Tagen nicht schlafen können vor Schmerzen. Sie bekommt ein Mittel und sagt nach vier Stunden: „Das tat so gut“.

Die von der Station besprechen alles mit den Schwerstkranken während der Visite. Dafür nehmen sie sich einen Schemel und setzen sich ans Bett. Sie nennen das Augenhöhe, und das ist gut. Sie nehmen noch nicht einmal die Krankenakte mit. Damit sie die Hände frei haben. Wie bei einem ganz normalen Gespräch. So bleibt die Verbindung sehr direkt und klar. Und es scheint, als hätten sie Zeit. Die haben sie zwar nicht. Aber sie nehmen sie sich. Die Krankenakte steht derweil draußen im Flur. Direkt nach der Visite werden sie einschreiben, was besprochen wurde. Hier, auf dieser Station, von der aus man weit hinein in den Wald schauen kann, wird vor dem Sterben vor allem noch einmal gelebt, soweit das möglich ist. Sogar geheiratet wurde in diesem Jahr. Die Partnerin des tödlich Erkrankten wollte das so. Und er auch. Standesbeamtin und Personal waren Zeugen auf der Station. Vielleicht hat es den beiden noch einmal eine Freude geschenkt, die sie sonst nicht empfunden hätten.

Frau S. ist jenseits der 70. „Ich habe mich hier gut erholt“, sagt sie. Auf die Dialyse verzichtet sie. Was soll das. Sie will ihre Würde behalten. Sie erzählt aus ihrem Leben. Von den 120 Kaninchen zum Beispiel, die sie im Freigehege hatte und die so viel Arbeit gemacht habe. Und auch davon, dass sie gern noch einmal gereist sei. „Aber ich mach’ keine Reise mehr. Das ist das einzige, was ich bedaure“, sagt sie. Sie ist hinter jener Zeit angekommen, da das Sterben noch weit entfernt war. Sie weiß es. Hat Frieden geschlossen und möchte ohne Schmerzen sterben. Das wird so passieren. Wann? Das weiß niemand. Tage? Wochen? Noch einmal darf auch sie nach Hause gehen, zur Familie. Es gibt Tropfen gegen die Schmerzen. Und im Hintergrund die Palliativstation. Hier werden sie ihr helfen, falls sich wieder – gefühlt – ein Messer in ihren Bauch bohrt.

Gerade wird Herr S. auf die Station gebracht. Er isst seit Tagen nicht mehr. Dabei ist er doch noch so jung. Aber Krebs kennt kein Alter. „Für uns das Schwerste ist es, gemeinsam mit den Kranken auszuhalten“, sagen die Ärztinnen, Psychologinnen und Pflegenden. Aushalten, weil es nichts mehr zu sagen gibt. Weil die Kranken schon gewissermaßen in einer Zwischenwelt leben, zu der Gesunde keinen Zugang mehr haben. Und die dennoch die Nähe der Pflegenden benötigen. Oder eines Arztes. Die üblichen Krankenhaus-Hierarchien sind hier auf der Station außer Kraft gesetzt. Weil sie wissen, dass sie im Interesse der Kranken aufeinander angewiesen sind. Mehr noch als anderswo. Herr S. stirbt.

Manchmal ist kein Bett frei auf der Palliativstation. Dann bilden sie ein Konsil, betreuen unheilbar Kranke auf anderen Stationen. Weil sie wollen, dass die Würde auch in der letzten Lebenszeit erhalten bleibt. In der Zeit, da Heilen keine Option mehr ist und einfach nur mit viel Wissen gelindert wird.

Frau M. haben sie vor anderthalb Jahren gesagt, dass ihr Lungenkrebs unheilbar ist. Drei Wochen? Drei Monate? Drei Jahre? Anderthalb hat sie seither geschafft. . .

Das Foto entstand im August 2021.

Zahlen und Fakten

  • Jährlich werden etwa 300 Menschen auf der Palliativstation behandelt. Reichlich die Hälfte von ihnen sind Frauen.
  • Durchschnittlich bleiben die Menschen 13 Tage hier.
  • Die Palliativpatientinnen und –patienten sind zwischen 20 und 103 Jahre alt. Das durchschnittliche Alter beträgt knapp 71 Jahre.

© Katholisches Krankenhaus Erfurt