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Immunisierung durch die Impfung oder durch eine überstandene Infektion

Kurz vor dem Jahresbeginn 2021 haben in der Bundesrepublik die Impfungen gegen das Corona-Virus beginnen. Wir haben mit Professor Dr. med. Igor Alexander Harsch von der Klinik für Innere Medizin II der Thüringen-Kliniken über die Impfung gesprochen.
Prof. Dr. med. Harsch (Mitte) mit einem Teil seines Teams auf einer der Pandemiestationen der Thüringen-Kliniken.

Was wissen Sie über den Impfstoff, der den Thüringen-Kliniken zur Verfügung steht, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu impfen?
Professor Dr. med. Harsch: In unserem Hause wird der Impfstoff von BioNTech und Pfizer verwendet werden. Er trägt keinen Namen, sondern nur einen Buchstaben und Zahlencode: BNT162b2. Einen wirklichen Handelsnamen hat der Impfstoff noch nicht. Der Impfstoff wird intramuskulär in zwei Dosen im Abstand von drei Wochen verabreicht. Mit einem Impfschutz kann erst mindestens eine Woche nach der zweiten Impfdosis gerechnet werden.

Warum ist ein Impfstoff so wichtig?
Professor Dr. med. Harsch: Eine Immunisierung kann auf zwei Wegen erreicht werden: Entweder, indem man eine Infektion durchgemacht und überstanden hat, oder durch eine Impfung.

In der Fachliteratur wird geschätzt, dass 60 bis 70 Prozent einer Bevölkerung immun sein müssen, um eine Seuche zum Erliegen zu bringen, sodass es nicht dauernd wieder zu Neuinfektionen kommt. Nach Angaben des Robert Koch-Institutes gab es mit Stand 11.12.2020 in Deutschland 1.272.078 bekannte Fälle. Auch wenn es sicherlich eine Dunkelziffer gibt, und auch unter der Annahme, dass die Betroffenen eine Immunität erreichen, ist es einfachste Mathematik, dass dies bei einer Bevölkerung von 83 Millionen Menschen nicht annähernd ausreicht, sodass nur eine Impfung möglichst vieler Menschen Abhilfe schaffen kann.

Wissen Sie, wie dieser neue Impfstoff aufgebaut ist und wie er wirkt?
Professor Dr. med. Harsch: Der Impfstoff ist vom Wirkprinzip ein sogenannter mRNA Impfstoff. Das ist nun etwas kompliziert. Die Funktion der vom Biologieunterricht vielleicht vertrauteren Desoxyribonukleinsäure (DNS) ist die Speicherung des Erbgutes im Zellkern; sie besteht beim Menschen aus zwei Strängen, in denen vier verschiedene Zuckermoleküle durch verschiedenste Aneinanderreihungen die Erbinformation speichern.

Coronaviren haben nur einen Strang, dann spricht man von einer Ribonukleinsäure (RNS) (einsträngig). Eine sogenannte mRNS („m“ steht für messenger = Botschafter) stellt nur eine Kopie eines winzig kleinen Abschnittes der Erbinformation dar. Diese mRNA (ab hier wird die englische Schreibweise verwendet, das „S“ steht im Deutschen für „Säure“, englisch heißt dies „Acid“) führt im Falle des Impfstoffes in unseren Körperzellen zur Bildung eines Eiweißes, nämlich von einem sogenannten „Spike“-Protein (= Eiweiß) des Virus (davon gibt es mehrere) und dann der entsprechenden Immunreaktion dagegen. „Spike“ heißt soviel wie „Stachel“ oder „Zacke“ – inzwischen kennt jeder Bilder des Virus, das wie eine Kugel mit Stacheln aussieht. Die mRNA Moleküle zerfallen im Körper recht schnell wieder.

Entscheidend für uns ist, dass der Körper diese Immunbzw. Abwehrreaktion gegen das Oberflächeneiweiß des Virus sozusagen „erlernt“. Diese mRNA ist eingebettet in Lipid (Fett)-Nanopartikel. Ein Adjuvans („Wirkungsverstärker“) oder Konservierungsstoffe enthält er nicht.

Oft wird behauptet, dass das Serum unser Erbgut angreift und schädigt. Ist das nur eine steile These?
Professor Dr. med. Harsch: Hierfür gibt es bisher keine Hinweise, und es erscheint für mich auch nur schwer nachvollziehbar. Die Information von sogenannten mRNA-Impfstoffen landet ja gar nicht im Zellkern, in dem unser Erbgut liegt.

Sie beobachten die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum neuartigen Corona-Virus und zu den weltweiten Impfungen. Was ist bisher über Nebenwirkungen der Impfung berichtet worden?
Professor Dr. med. Harsch: Ich möchte zunächst einmal darauf verweisen, dass im hochangesehenen medizinischen Fachjournal „New England Journal of Medicine“ kürzlich ein Artikel mit dem Titel „Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine“ erschienen ist. Darin geht es um veröffentlichte Daten zum Einsatz des Impfstoffes von BioNTech and Pfizer, der den obigen Buchstaben- und Zahlenkürzel trägt. Der Artikel ist für Jedermann frei zugänglich.

Es handelt sich um den Bericht über eine noch laufende multinationale, placebokontrollierte, beobachterblinde, zentrale Wirksamkeitsstudie, in der insgesamt 43.448 Teilnehmer Injektionen erhielten: 21.720 mit BNT162b2 und 21.728 mit Placebo.

In der mit dem „echten“ Impfstoff behandelten Gruppe kam es öfter zu Beschwerden im Bereich der Einstichstelle (Lokalreaktion). An systemischen Wirkungen wurden zumeist Müdigkeit und Kopfschmerzen bei ungefähr 50 Prozent der mit dem „echten“ Impfstoff Behandelten berichtet, aber auch in ungefähr 25 Prozent derer, die gar nicht den „echten“ Impfstoff erhalten hatten.

Todesfälle wurden in beiden Gruppen nie mit der Impfung oder Scheinimpfung in Verbindung gebracht. Fairerweise sei aber auch angemerkt, dass es in der Natur der Sache liegt, dass über mögliche Spätfolgen einer solchen Impfung noch keine Aussagen möglich sind.

Müssen sich Menschen, die positiv auf SARS-Cov-2 getestet worden sind, impfen lassen?
Professor Dr. med. Harsch: Nach jetzigen Wissen wird durch eine überstandene Infektion in der größten Zahl der Fälle ein robuster Schutz vor Neuinfektionen erreicht. Dies ist aber möglicherweise nicht immer der Fall, sodass eine Antikörpertestung beim Betroffenen eine Entscheidungshilfe darstellen kann, ob eine Impfung zu empfehlen ist, oder ob sie als überflüssig angesehen werden kann.

©Thüringen-Kliniken