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Keine Angst vorm Älterwerden

In Suhl organisiert die “Seniorengemeinschaft” gegenseitige Hilfe im Alter - ganz unbürokratisch. “Wer hilft mir, wenn ich selbst einmal nicht mehr kann?” - Auf die Frage, die viele Menschen im Alter beschäftigt, hat Ingrid Mitschke, die Gründerin des Suhler Vereins “Alt aber trotzdem... Senioren helfen Senioren" eine praktische Antwort gefunden.

Senioren helfen Senioren

Über eine Seniorengemeinschaft wird die Unterstützung bei alltäglichen Dingen wie Putzen, Gartenarbeit, Arztbesuchen oder dem Einkauf ganz unbürokratisch geregelt - durch gegenseitige Hilfe. Der Verein verbindet Menschen, die im Alltag eine helfende Hand benötigen, mit anderen, die in ihrer Freizeit etwas Gutes tun wollen - und gleichzeitig für das eigene Alter vorsorgen möchten.

Das Prinzip des Vereins ist einfach: Als Helfer oder Helferin mitmachen kann grundsätzlich jeder, der älter als 16 Jahre ist. Wer die Hilfe bucht, zahlt dafür je nach Tätigkeit acht bis zehn Euro die Stunde. Zwei Euro davon gehen an den Verein und tragen zur Bewältigung der laufenden Kosten bei, der Rest geht an die Helfer und Helferinnen. Auch Krankenkassenzuschüsse können für die Haushaltshilfe verwendet werden. Das so verdiente Geld wird entweder direkt ausbezahlt oder auf ein Konto gutgeschrieben - etwa, um später selbst Helfer bezahlen zu können. „Manche nutzen das verdiente Geld, um direkt ihre Rente etwas aufzubessern, andere lassen es als Altersvorsorge auf dem Konto“, erklärt Ingrid Mitschke. Für die Hilfsbedürftigen ist es ein Beitrag, um im Alter möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben zu können.

„Mir war nach dem Renteneintritt klar, dass ich mit meiner Zeit etwas Sinnvolles anfangen will“, erklärt Margit Burkholdt, die 2015 als Helferin in den Verein eingetreten ist. Zwei Frauen werden aktuell von der ehemaligen Krippenerzieherin im Alltag unterstützt, die Aufgaben reichen vom Einkaufen über Hilfe im Haushalt bis zum Arztbesuch. Nur Pflegeaufgaben dürfen nicht übernommen werden - das ist Sache der Pflegedienste. „Extrem wichtig ist es, dass die Leute jemandem zum Reden und Zuwendung haben.“ Im Schnitt einmal in der Woche stattet Margit Burkholdt den Damen einen Besuch ab - je nachdem, was zu tun ist und wie viel Zeit sie hat. „Man bekommt das gut unter einen Hut mit dem eigenen Alltag.“

Jedes Vereinsmitglied kann die Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Beispiel dafür ist Heide Adner: Eigentlich war die rüstige Rentnerin dem Verein als Helferin beigetreten. „Kurz danach habe ich mir das Kreuz gebrochen und war plötzlich auf Unterstützung angewiesen. Heute könnte ich rund um die Uhr Hilfe gebrauchen.“ Die Alltagshilfe ergänzt bei ihr die Leistungen des Pflegedienstes und trägt dazu bei, dass sie aktiv bleiben kann. „Solche Angebote können wir in der Gesellschaft gut brauchen, das sollte es viel öfter geben.“ Für Ingrid Mitschke war die Vereinsgründung ein Sprung ins kalte Wasser. Ohne Erfolgsgarantie gab sie ihren Job auf und gründete die Seniorengemeinschaft. „Ich habe selbst meine Eltern gepflegt, dadurch wusste ich, dass der Bedarf da ist.“ Beim Aufbau dienten bestehende Modelle, die vor allem in Bayern und Baden-Württemberg schon seit vielen Jahren verbreitet sind, als Ideengeber und Blaupause, die dann auf die Thüringer Verhältnisse abgestimmt wurden. Finanziell haben Förderprojekte wie etwa das Landesprogramm für solidarisches Zusammenleben der Generationen - das neue Landesprogramm Familie - dazu beigetragen, den Verein auf feste Beine zu stellen.

„Das erste Dreivierteljahr war schwierig, aber inzwischen sind wir auf einem guten Weg“, erklärt sie. Auf 370 Mitglieder ist der Verein seit der Gründung 2014 angewachsen, im vergangenen Jahr wurden rund 7000 Stunden abgerechnet. „Die Idee findet jeder toll - bei vielen Menschen gibt es die Bereitschaft, sich zu engagieren und ein bisschen was nebenbei zu verdienen.“ Vom Arzt über die ehemalige Erzieherin bis hin zum Elektriker sei jede Berufsgruppe vertreten. Etwa zwei Drittel der Mitglieder seien Hilfsbedürftige, ein Drittel Helfer. „Mit diesem Verhältnis können wir fast alles abdecken.“ Auch aus anderen Teilen Thüringens kommen immer wieder Anfragen - das Angebot ist aber auf den Raum Suhl und Zella-Mehlis beschränkt. „Es wäre schön, wenn sich das auch an anderen Orten durchsetzt - der Bedarf ist überall da.“

“Neue Wege für eine moderne Familienpolitik”

Im Interview mit Heike Werner (DIE LINKE), Thüringer Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie.

Frau Ministerin Werner, was ist das eigentlich ein Landesprogramm mit dem komplizierten Namen „Solidarisches Zusammenleben der Generationen“?

In Kurzform: Landesprogramm Familie. Der lange Titel beinhaltete bereits die Idee des neuen Programms. Wir wollen neue Wege für eine moderne Familienpolitik in den Kommunen entwickeln. Angebote für Familien sollen bedarfsgerechter und unter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern geplant, gestaltet und am Ende natürlich mit Leben gefüllt werden.

Was sind das für Angebote?

Konkret sind es bspw. folgende: eine Dorfkümmererin, ein Badebus, eine mobile Erziehungsberatung, eine Seniorengenossenschaft, ein Digitalkompass, ein ThEKiZ oder eine Rentenschmiede. Es gibt viele Bereiche in denen etwas für Familien getan werden kann: bei Vereinbarkeitsthemen, bei Mobilität, bei Beratung, bei Familienbildung oder -erholung.

Sind die Angebote für alle Familien?

Natürlich. Und Familie hat heute viele Gesichter: die Großfamilie, die Patchworkfamilie, die Regenbogenfamilie, die Ein-Eltern-Familie oder die Pflegefamilie. Das Ziel des Programms ist die Stärkung des solidarischen Zusammenlebens der Generationen.

Wie kommen die Angebote zu den Familien?

Die Landkreise bzw. kreisfreien Städte tragen die Verantwortung. Für uns ist die Beteiligung der Familien am weiteren Prozess ein wichtiger Grundsatz. Das Land stellt 2019 reichlich 10 Mio. Euro – das ist mehr als das doppelte der bisherigen Förderung – bereit. Für 2020 wurden bereits fast 14 Mio. Euro von der rot-rot-grünen Koalition im Landeshaushalt verankert.


© Andreas Göbel